Berlin : Unerhört sehenswert

Franka Potentes Regiedebüt ist ein schwarz-weißer Stummfilm Ab heute läuft „Der die Tollkirsche ausgräbt“ im Kino

Sebastian Leber

Die bisherigen Reaktionen auf ihren Regie-Erstling waren alle recht ähnlich, sagt Franka Potente. Die meisten gingen ungefähr so: „Hä? Warum hast du denn so was gemacht?“ Der Film wird wahrscheinlich kein Kassenschlager. Formal erfüllt er sogar alle Kriterien, um das Mainstream-Publikum vom Kinobesuch abzuhalten: Er ist schwarz-weiß, stumm und nur 43 Minuten lang. Und den Titel kann sich auch kein Mensch merken: „Der die Tollkirsche ausgräbt“ heißt er. Wie gesagt: „Hä?“

Trotzdem ist der Berlinerin ein wunderschöner Film gelungen. Eine groteske Zeitreise ins Jahr 1918, mit clownhaft überzeichneten Charakteren und dem Charme altmodischer Schnitttechnik. Heute läuft „Der die Tollkirsche ausgräbt“ deutschlandweit in den Kinos an. In sehr kleiner Stückzahl, in Berlin ist er zunächst nur in den Hackeschen Höfen zu sehen.

80 000 Euro hat die Produktion gekostet. Und Potente ein Jahr Arbeit. Weil Regieführen weit zeitintensiver ist als schauspielern, das weiß sie jetzt. Und noch etwas hat die 32-Jährige bei ihrem Rollenwechsel gelernt: „Wenn ein Darsteller am Set zum Regisseur kommt und ein Problem hat, will er in 90 Prozent der Fälle nur Aufmerksamkeit.“ Die Gültigkeit der Regel konnte sie anschließend gleich an sich selbst überprüfen, beim Dreh von „Elementarteilchen“ mit Regisseur Oskar Roehler. Da war sie öfter schon auf dem Weg zu Roehler und sah erst im letzten Moment ein: Nee, lass den mal, ist nicht so wichtig.

Klar sei sie im Regiefach Anfängerin, sagt Potente. „Aber keine Anfängerin-Anfängerin“. Die zehn Jahre als Schauspielerin waren hilfreich. „Manchmal wusste ich vielleicht nicht den Fachausdruck, aber ich konnte immer artikulieren, was ich wollte.“ Und schüchtern sei sie auch nicht gewesen beim Anweisungengeben. Warum denn überhaupt die Regienummer? Zum Ausprobieren, sagt sie. Weil sie Lust dazu hatte. „Wozu ist man sonst auf der Erde?“ Aus derselben Motivation ist sie damals auch nach Los Angeles gezogen. Und zurück in Berlin gab es Leute, die „hämisch anmerken mussten, dass ich ohne Oscar nach Hause gekommen bin“. „Bescheuert“, sagt sie dazu. Und genervt ist sie auch von der ewigen Frage, wie Johnny Depp küsst. Mit dem hatte sie in „Blow“ ein paar Liebesszenen.

„Der die Tollkirsche ausgräbt“ soll nicht ihre einzige Regiearbeit bleiben. Potente hat Ideen für einen Spielfilm, diesmal mit der üblichen Länge und in Farbe. Nur hapert es derzeit mit dem Drehbuchschreiben, weil sie zu viel vor der Kamera steht. Spielen und schreiben, das funktioniert nicht, sagt sie. „Aber es kommt bestimmt eine Zeit, in der ich mehr Ruhe habe.“ 2007 kann sie damit nicht gemeint haben: Zuerst spielt sie in der Kinoversion des Bestsellers „Die Päpstin“ die Hauptrolle. Die der Johanna von Ingelheim, die sich im neunten Jahrhundert als Mann ausgab, um im Vatikan Karriere zu machen. Und danach dreht Franka Potente in Südamerika einen Film über Ernesto Che Guevara. Der Revolutionär soll von Benicio del Torro verkörpert werden, noch so ein Frauenschwarm vom Kaliber Johnny Depp. Zumindest muss sich Potente hinterher nicht fragen lassen, wie die Kussszene mit del Torro war. Die ist im Drehbuch angeblich nicht vorgesehen.

Der Kurzfilm läuft täglich ab 20 Uhr im Kino in den Hackeschen Höfen, Rosenthaler Straße 40. Sonntags auch um 11 Uhr. Eintritt: 4.50 Euro.

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