Unfälle in Berlin : Zwei Menschen starben wegen alkoholisierter Autofahrer

Zwei tödliche Unfälle innerhalb von zwei Tagen: Jetzt ist auch der Fußgänger gestorben, der in Schöneweide von einem angetrunkenen Mann im BMW überfahren wurde. Die Täter könnten mit Bewährungsstrafen davonkommen. Anderswo kämen sie ins Gefängnis.

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Ende der Fahrt. In anderen EU-Ländern kommen alkoholisierte Autofahrer auch ohne Unfall ins Gefängnis. Und in Italien wird ab 1,5 Promille das Auto eingezogen, wenn der Halter selbst am Steuer saß.
Ende der Fahrt. In anderen EU-Ländern kommen alkoholisierte Autofahrer auch ohne Unfall ins Gefängnis. Und in Italien wird ab 1,5...Foto: Imago

„Der offenbar alkoholisierte BMW-Fahrer wurde nach Personalienfeststellung und Blutentnahme entlassen“, hieß es am Wochenende gleich in zwei Mitteilungen der Polizei. Es klingt wie das banale Ende zweier Katastrophen. In beiden Fällen waren die Fahrer bei Rot gefahren, in beiden blieben sie selbst unverletzt. Zwei ihrer Opfer, 44 und 28 Jahre alt, sind tot. Eine Frau starb am Samstagmorgen in Steglitz nur Stunden, nachdem der Betrunkene auf der Flucht nach einem anderen Unfall von hinten in den VW Polo gekracht war, in dem sie vor einer roten Ampel hielt. Ihr 43 Jahre alter Mann liegt mit schwersten Verletzungen im Krankenhaus.

In der Nacht zu Montag starb dann auch der Fußgänger, der am Samstagabend in Schöneweide überfahren wurde, als er wohl bei Grün über die Michael-Brückner-Straße ging. Sind zwei so grausame Fälle an zwei Tagen purer Zufall – oder bloß ein kleiner Ausschnitt eines Wahnsinns, der in der Saison der feucht-fröhlichen Weihnachtsfeiern noch alltäglicher ist als sonst?

In der polizeilichen Bilanz der alkoholbedingten Unfälle fürs vergangene Jahr ist der Dezember ebenso unauffällig wie die Faschingszeit. Vielmehr passierte im dritten Quartal, speziell im September, am meisten. Übers Jahr waren es 1560 Fälle. Seit 2010 stagniert die Zahl, nachdem sie vorher stetig gesunken war. Vier von fünf alkoholisierten Unfallverursachern sind Männer, meist zwischen 21 und 50 Jahren. Wenn es kracht, rammen sie meist vorausfahrende oder parkende Autos oder waren zu schnell. Schreckensbilanz 2012: Fünf Tote, 125 Schwer- und 506 Leichtverletzte.

Zeitlich allerdings passen die Katastrophen vom Wochenende genau ins Raster: In den Nächten zu Sonnabend und Sonntag verursachen Angetrunkene mehr als doppelt so viele Unfälle wie sonst. Doch diese Zahlen sind höchstens die halbe Wahrheit: Zum einen scheint Unfallflucht für Alkoholisierte – soweit sie aufgeklärt wird – mit etwa 30 Prozent beinahe normal. Zum anderen wird kaum jemand erwischt, solange es nicht kracht. Nach Auskunft von Markus Schäpe, der beim ADAC den Bereich Verkehrsrecht leitet, wird nur jede 600. bis 900. Promillefahrt aktenkundig. „Deshalb brauchen wir zwingend mehr Polizeikontrollen“, sagt er. Die Berliner Polizei kontrolliert in diesen Tagen nach Auskunft eines Sprechers ebenso gezielt wie zur Faschingszeit, nennt aber keine Einzelheiten. Die Blutuntersuchung der BMW-Fahrer läuft noch. Ab 0,3 Promille zählt Alkohol am Steuer als Straftat, wenn ein Unfall oder gravierender Fahrfehler passiert. Ab 0,5 Promille sind 500 Euro, vier Punkte und ein Monat ohne Führerschein fällig.

Wer über 1,1 Promille hat, begeht in jedem Fall eine Straftat. Bei mehr als 1,6 Promille gibt es die Fahrerlaubnis erst nach MPU („Idiotentest“) samt Abstinenznachweis zurück. Denn wer mit solchen Werten Auto fährt, hat meist ein ernstes Alkoholproblem. „Das Problem sind nicht mehr die trinkenden Fahrer, sondern die fahrenden Trinker“, sagt Siegfried Brockmann, der die Unfallforschung der Versicherer leitet. „Die kriegen wir auch mit höheren Strafen schwer unter Kontrolle.“ Die beiden BMW-Fahrer haben nicht nur Menschen auf dem Gewissen, sondern auch Strafprozesse vor sich. Dabei könnte ihnen nützen, dass sie ihre Taten in Berlin begingen: Der ADAC beobachtet ein Süd-Nord-Gefälle bei den verhängten Strafen. Wer in München betrunken einen Menschen totfahre, lande in der Regel für rund zwei Jahre im Gefängnis. In Berlin kommen die Täter erfahrungsgemäß eher mit Bewährung davon.

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