Unfall : Radlerin von abbiegendem Lastwagen überfahren

Die Frau war auf der linken Straßenseite unterwegs. Warum der Lkw-Fahrer sie übersah, ist noch unklar. Neuartige Markierungen und Fahrradstraßen sollen Radfahrer künftig besser schützen.

Stefan Jacobs

Wieder ist eine Radfahrerin von einem abbiegenden Lastwagen überfahren worden. Noch weiß die Polizei nicht, ob die 82-Jährige am Montagvormittag ihr Rad von der Lindauer Allee in Reinickendorf über die kreuzende Ollenhauerstraße geschoben hat oder ob sie auf dem linken Radweg gefahren ist. Sicher ist: Der 30-jährige Lkw-Fahrer, der ihr entgegenkam, ließ noch einen in seiner Richtung fahrenden Radler durch und erfasste dann beim Rechtsabbiegen die von vorn kommende Frau. Sie war sofort tot. Warum der Lkw-Fahrer sie übersah, konnte die Polizei noch nicht klären: Sowohl er als auch der Radler, der Zeuge wurde, kamen mit schweren Schocks ins Krankenhaus.

„Diese Scheiß-Gehweg-Radwege“, entfuhr es dem Fahrradbeauftragten des Senats, Benno Koch, als er von dem Unfall erfuhr: „So viele Leute wiegen sich dort in trügerischer Sicherheit.“ Der gestrige Unfall war jedoch insofern untypisch, als dass das Opfer auf der linken Straßenseite unterwegs war. In den meisten Fällen erwischt es Radler, die rechts neben einem Abbieger geradeaus fahren wollen.

Zu dem schon bewährten Gegenmittel, Radspuren gut sichtbar auf der Straße anzulegen, testet der Senat jetzt ein neues Rezept, um Radfahrer vor rechts abbiegenden Autos zu schützen: Zu den schon an vielen Ampelkreuzungen üblichen Streifen am rechten Fahrbahnrand sollen zusätzliche Markierungen für Geradeausfahrer kommen. Diese Streifen beginnen so weit vor der Kreuzung, dass allen Beteiligten Platz und freie Sicht zum Einsortieren bleibt. Und an der Kreuzung können die Rechtsabbieger den geradeaus fahrenden Radlern nicht mehr den Weg abschneiden, weil die Radler links von ihnen sind. In Reinhardt-, Holzmarkt- und Mühlenstraße sowie auf der Bergmannstraße am Marheinekeplatz gibt es solche Markierungen schon. An anderen Kreuzungen soll bei ohnehin fälligen Umbauten geprüft werden, ob Platz dafür ist.

Wie dringend neue Lösungen gebraucht werden, zeigt die vorläufige Unfallbilanz des vergangenen Jahres: Von 14 getöteten Radlern wurden fünf von Rechtsabbiegern überfahren. Besonders gefährlich sind dabei Lastwagen wegen ihres „toten Winkels“, der von den Standardspiegeln nicht erfasst wird. Während neue Lkw einen Zusatzspiegel haben, sind nur wenige alte mit dem Lebensretter nachgerüstet. Koch will diese Gefahr jetzt wieder stärker ins Bewusstsein rücken: „2005, als das Thema in den Medien so präsent war wie nie, starben insgesamt nur sieben Radfahrer.“

In Wilmersdorf sollen die Radler auf andere Weise geschützt werden: Das Bezirksamt will die Prinzregentenstraße als Fahrradstraße ausschildern. Dann hätten Radler eine Nord-Süd-Verbindung vom Prager Platz bis zum S-Bahn-Ring, auf der außer ihnen nur Anlieger mit ihren Autos fahren dürften. Solche Fahrradstraßen hält Koch allerdings nur für die zweitbeste Lösung: „In der Großstadt ist fast überall zu viel Autoverkehr, als dass die Radfahrer in Ruhe und auch nebeneinander fahren können, wie es auf Fahrradstraßen erlaubt ist.“ Rund ein halbes Dutzend solcher Strecken gibt es inzwischen in Berlin; ein Netz ist aber nicht in Sicht.

Entschärft ist neuerdings ein Unfallschwerpunkt an einer der meistfrequentierten Radfahrstrecken der Stadt: Auf dem von täglich mehr als 6000 Radlern benutzten Weinbergsweg zwischen Mitte und Prenzlauer Berg krachte es oft, wenn Autofahrer unvorsichtig ihre Türen öffneten, während auf dem schmalen Streifen zwischen Parkspur und Straßenbahngleisen ein Radler nahte. Fahrradpiktogramme zwischen den Schienen zeigen den Radlern jetzt, dass sie auch dort fahren dürfen. Zum Überholen war für die Tram schon bisher zu wenig Platz.

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