Ungarn : Grüne Woche: In der Fremde ganz international

Das Partnerland der Grünen Woche verlässt sich auf Bewährtes, tischt Paprika und Salami auf. Aber wie ungarisch ist Berlin überhaupt? Eine Spurensuche.

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„Traditionell köstlich“. So lautet der Slogan, mit dem sich Ungarn bei der Grünen Woche präsentiert. Mit Frauen in Trachten, viel...

Mitten in Friedrichshain, einen Steinwurf entfernt vom Boxhagener Platz, setzen an einem Samstagabend im Januar fünf Musiker in seidenen Hemden und dunklen Westen gleichzeitig die Bögen auf ihre Streichinstrumente. Zwei Violinen, zwei Bratschen, ein Bass. Voll ist es im Café Szimpla, die Musik wird schnell und schneller, jemand pfeift auf zwei Fingern, Absätze klacken, dem Bassisten hängt ein Schweißtropfen an der Nase.

Szászcsávás. Den Namen der Roma-Band, angereist aus dem gleichnamigen Dorf in Siebenbürgen, kann im Raum nur flüssig aussprechen, wer auch Ungarisch beherrscht. Etwa 2300 Ungarn leben derzeit in Berlin. Verteilt auf die Gesamtbevölkerung von mehr als drei Millionen ist das nicht gerade viel. Wo also sind sie zu finden?

In der Philharmonie, sagt einer und meint damit zum Beispiel die beiden Solo-Trompeter Gábor Tarkövi und Tamás Velenczei. Bei Hertha BSC, sagt ein anderer, und spricht vom Mittelfeldspieler Pal Dardai.

Oder im Szimpla. Ist das Collegium Hungaricum die offizielle Repräsentanz ungarischer Kultur in Berlin, so ist das Friedrichshainer Café, wenn man so will, die inoffizielle. Doch die ungarische Diaspora in Berlin, sie rottet sich nicht zusammen. Man kennt sich, man trifft sich – fernab von Heimweh und Nostalgie. Wenn sich Ungarn als diesjähriges Partnerland der Grünen Woche mit – „Traditionell köstlich“ – Salami, Paprika und Trachten präsentiert, winken die Berliner Ungarn ab. Hinfort mit Stereotypen, hier versteht sich der Ungar als Weltbürger, als „komplett assimiliert“, wie einer sagt. Er meint es scherzhaft und doch irgendwie nicht.

„Wir sind ein richtiges Berliner Café“, sagt der Besitzer vom Szimpla, Attila Kiss. Und die Betonung liegt dabei auf Berlin, unmissverständlich. Er ist 35 Jahre alt, ein schmaler junger Mann im weißen Hemd, der in Budapest noch zwei Dependancen des Szimpla betreibt. Und der sagt, seine größte Ehre als Gastronom sei es, wenn die Italiener von der Pizzeria nebenan seinen hausgebrühten Espresso für gut befinden.

Wein und Palinka, Obstbrand aus Ungarn, das gibt es bei ihm, viel zünftiges Essen allerdings nicht. Das ist Absicht – und soll so bleiben. Auch wenn immer wieder Gäste kommen und nach Gulasch fragen, sagt er und grinst. Den, na gut, gibt es einmal in jedem Monat bei der Ungarn-Party. Aber ein Treffpunkt für Exilanten soll das Szimpla trotzdem nicht ausschließlich sein. Mit seinen regelmäßigen Veranstaltungen will Kiss den Berlinern lieber „etwas Wertvolles“ aus seiner Heimat zeigen. Da darf auch mal ein bisschen völkische Musik aus Siebenbürgen dabei sein, dem Land, das, lange ist es her, mal zu Ungarn gehörte und in dem noch immer viele Ungarn leben.

Und der Herr mit dem dunklen Schnäuzer, der im Szimpla auf einem Stuhl nahe am Fenster sitzt, stößt mit seiner Frau an und hört den Roma zu. „Schwerer trockener“ Rotwein aus Ungarn schwappt in ihren Gläsern. Sie ist Deutsche, er Ungar, in den 80ern suchte er in Berlins Westen politisches Asyl. Mehrmals im Jahr fahren sie nach Ungarn und, schade, die Kinder zweisprachig zu erziehen, das haben sie leider verpasst. Dafür lernt sie nun Ungarisch. Vertrackt schwer diese Sprache finno-ugrischen Ursprungs, die einzige nicht-indogermanische Sprache in Mitteleuropa. „Ungarisch lernen können Sie nur, wenn sie sich in einen Ungar verlieben“, sagt einer. János Can Togay, Direktor des Collegium Hungaricum sagt, unter den Ungarn gebe es solche, die ihre Sprache romantisieren und solche, die sie für eine Plage halten. Und der Ehemann im Szimpla nickt und wiegt den Kopf. „Ja, sie macht Fortschritte“, sagt er über seine Frau.

Berlin. Für ungarische Intellektuelle und Künstler war die Stadt schon immer Sehnsuchtsort. In den 20er Jahren emigrierten viele, nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956 ebenfalls, genauso wie in den frühen 80ern. Damals verließ auch Tivadar Nemesi, 53, Budapest. Eigentlich wollte er nach Italien oder Frankreich, doch beim Besuch von Freunden in Berlin blieb er hängen. „Weil es eine große, freie Stadt ist, mit vielen Möglichkeiten“, sagt er heute in seinem kleinen Appartement in Kreuzberg.

Ungarn war ihm zu klein, zu eng, zu unfrei. Erst vor zwei Jahren erfuhr der ruhige und freundliche Mann, dass die ungarische Stasi ihn damals beobachtete, seine Kontakte mit Künstlern in Spanien dokumentierte. Er fotografiert, gestaltet Messerschnitte und Grafiken, doch gerade macht er vor allem Musik. Sein Instrument sieht aus wie ein Ufo, tönt wie eine Klangschale und heißt Hang. In der Schweiz, wo es erfunden wurde, heißt Hang auf Berndeutsch „Hand“. Und im Ungarischen, ein schöner Zufall, bedeutet das gleiche Wort „Stimme“. Mit einem Österreicher und einem Italiener gründete er eine Band, nicht ungarisch, sondern international, betont er.

Nemesi kommt aus Budapest. Eine Stadt so schön, dass es in Berlin leider nichts Vergleichbares gebe, meint er. Nirgends ist es hier so hügelig und grün wie Buda, wo er geboren wurde. Auch nach 20 Jahren noch vermisst er die Stadt. Aber wo ist es denn, das Ungarische in Berlin, 900 Kilometer entfernt von Budapest? Ein Kiez der Exilanten? Gibt es nicht. Einen ungarischen Kindergarten dann doch, mit einer Gruppe in Pankow und einer in Zehlendorf. Und wenn man unbedingt vergleichen will, sagt der Gastronom Attila Kiss, dann ist Zehlendorf ein bisschen wie Buda, Friedrichshain-Kreuzberg vielleicht wie Pest.

Das besondere Paprikapulver, vom Ehepaar im Café Szimpla für’s hauseigene Gulasch gebraucht, gibt es in Berlin nicht zu kaufen. Sie importieren es, mehrmals im Jahr. Und ein gutes ungarisches Restaurant? Da fällt den meisten ein einziges in Mahlsdorf ein.

Das Ungarische in Berlin, an einem Wochenende: ein Schluck schweren Rotweins in einem Café in Friedrichshain, Geigen und Bratschen auf der Durchreise, ein Künstler in Kreuzberg mit einem Instrument, das „Stimme“ heißt – und, auch das, Salami und Paprika bei der Grünen Woche.

Am heutigen Freitag und am morgigen Sonnabend ist die Grüne Woche länger geöffnet – von 10 bis 20 Uhr. Tageskarten kosten 12 Euro; „Happy Hour“-Tickets gibt es ab 14 Uhr für sieben Euro.

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