Berlin : Ungeliebte, inspirierende Stadt

Vladimir Nabokov kam nicht freiwillig nach Berlin – und blieb doch 15 Jahre. Hier entstanden sieben Romane

Harald Olkus

„Das Haus, in dem Fjodor wohnte, war ein Eckhaus und ragte vor wie ein riesiges rotes Schiff, das an seinem Bug ein komplexes gläsernes Turmgebilde trug, als sei ein langweiliger, solider Architekt plötzlich verrückt geworden und habe einen Ausflug in den Himmel gemacht. Auf all den kleinen Balkons, die Schicht um Schicht das Haus umgrünten, blühte etwas grünes, nur der Schtschjogolewsche war unordentlich und leer ...“, schreibt Vladimir Nabokov in seinem 1936 in Berlin begonnenen, aber erst 1952 in den USA erschienenen Roman „Die Gabe“.

Das Haus steht in der Nestor-, Ecke Paulsborner Straße, in Halensee, direkt hinter der Hochmeisterkirche. Das „gläserne Turmgebilde“ des verrückt gewordenen Architekten hat den Krieg nicht überstanden, das Haus wohl – jetzt erscheint die Ecke allerdings weniger als Schiffsbug. In diesem Haus wohnte Nabokov fünf Jahre, es ist die Adresse, unter der er am längsten in Berlin lebte. Im Erdgeschoss der Nummer 22 – Nabokovs Adresse von 1932 bis 1937 – befindet sich heute die Kleine Weltlaterne, ein Restaurant mit Galerie. Zuvor hatte Nabokov auch für wenige Monate direkt in der Westfälischen Straße gewohnt, eine erst kürzlich angebrachte Plakette erinnert daran. Für Dieter E. Zimmer, den Herausgeber der Gesammelten Werke Nabokovs, ist das Haus in der Nestorstraße mehr als nur ein Wohnort: „Seine Werke waren solche der Phantasie – aber überspitzt könnte man sagen, dass er nie etwas erfand“, schreibt Zimmer in seinem Band „Nabokovs Berlin“. „Er komponierte seine eigenen Wirklichkeiten, aber die Bausteine dafür entnahm er seiner unmittelbaren Erfahrung.“ Und einen Teil dieser Erfahrung machte er in der Nähe der Westfälischen Straße. Denn er sei nicht weit gegangen, um sich seine Alltagsrealität zu beschaffen, so Zimmer, „sondern er nahm sie dort, wo sie sich gerade fand und genau genug beobachten ließ.“

Nabokov lebte von 1922 bis 1937 in Berlin. Aber nicht freiwillig. Gerne wäre er in Cambridge geblieben, wo er studierte – aber sein Vater wurde in Berlin ermordet, und seine Mutter wollte ihren Sohn bei sich haben.

Die Stadt war für ihn nur Zwischenstation. Als 1917 die Oktoberrevolution ausbricht, muss die Familie Nabokov fliehen, zunächst auf die Krim, dann über Konstantinopel nach England. Während Vladimir in Cambridge studiert, übersiedelt der Rest der Familie 1920 nach Berlin, wo der Vater mit einem früheren Parteifreund, Joseph Hessen, die erfolgreiche Berliner Emigrantenzeitschrift Rul gründet.

In Berlin heiratet Nabokov seine Frau Vera; hier wird sein einziges Kind Dimitrij geboren. „Blaue Abende in Berlin . Verwirrung, Armut, Liebe und eine geradezu physisch-schmerzende Sehnsucht nach dem noch frischen Geruch Russlands“ – dies ist Nabokovs Bilanz aus 15 Jahren Berlin. Er scheint die Stadt nicht geliebt zu haben, als Exilant bleibt Nabokov hier immer ein Fremdkörper: „Das russische Berlin der Zwanziger Jahre“, so schreibt er in einem Nachruf auf Joseph Hessen im Jahre 1942, „war ein einziges möbliertes Zimmer, das von einer groben und stinkenden Deutschen (der gemeine Schweiß dieses misslungenen Volkes ist unvergessen) vermietet wurde“.

Nicht einmal die Sprache will er zunächst lernen: „Nach meinem Umzug nach Berlin wurde ich von einer panischen Angst verfolgt, mein kostbares Russisch zu verderben, falls ich fließend Deutsch sprechen lernte“, sagte Nabokov in einem Interview 1971 in Montreux.

In den Berliner Jahren entwickelt sich Nabokovs schriftstellerisches Genie. „Meine nächsten sieben Romane wurden in Berlin geschrieben, und alle hatten einen Berliner Hintergrund. Dies ist der deutsche Beitrag zur Atmosphäre und Erstellung meiner acht in Berlin geschriebenen russischen Romane.“ Hier entsteht sein gesamtes Werk in russischer Sprache. Neben Gedichten schreibt er sieben Romane, darunter „Masenka“ (1926), „König Dame Bube“ (1928) - die Initialen der russischen Version, „KDV“, sind eine Anspielung auf das Kaufhaus KaDeWe - „Lushins Verteidigung“ (1930) und „Die Gabe“ (1936/52).

Doch leben konnte Nabokov in dieser Zeit vom Schreiben nicht, es verschaffte ihm höchstens ein gelegentliches Zubrot. Um seine Familie finanziell unterstützen zu können, gibt er Tennisstunden, Englisch- und Französisch-Unterricht; in den Berliner Studios der UFA arbeitet er als Komparse. Nur einmal verdiente er richtig Geld mit seinen Büchern: als Ullstein ihm die deutschen Rechte an seinem Roman „König Dame Bube“ abkaufte.

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