Ungeliebte Kunst : Schluss mit dem Krach

Zu laut: Unbekannte Täter brachten klingende Installation zum Verstummen. Das Werk der Künstlerin Hiller ist ein etwa zwei Meter hoher Schutthaufen: aufgehäufte Steinbrocken, Müll, Kabel aus dem jede viertel Stunde Klänge kommen, wurde sabotiert.

Katrin Zeug
Biennale Foto: Rückeis
Achtung Kunst. Die Installation "What every gardner knows" beschallte die Umgebung des Skulturenparks alle 15 Minuten. -Foto: Rückeis

Walter Porhäusel wusste, so sagt er, bis vergangene Nacht eigentlich nicht, wofür er da ist. Er bewacht in seiner zwölfstündigen Nachtschicht den Skulpturenpark in der Kommandantenstraße in Mitte, auf dem derzeit Werke im Rahmen der Berlin Biennale ausgestellt sind. Nun musste Wachmann Porhäusel erfahren, dass auch solche Objekte bedroht sind. Eine Skulptur auf der Brachfläche – die Arbeit der Künstlerin Susan Hiller – wurde in seiner Schicht sabotiert. „Dabei sind das doch alles nur Schrotthaufen und Erdlöcher“, sagt der breitgebaute Mann und zieht seinen Rottweiler zu sich heran.

Die Installation der Künstlerin Hiller ist ein etwa zwei Meter hoher Schutthaufen auf verlassenem Brachland: aufgehäufte Steinbrocken, Müll, Kabel – teilweise von Büschen überwachsen – aus dem jede viertel Stunde Klänge kommen. Laute Klänge, jeweils bis zu vier Minuten lang, Tag und Nacht – nach Angaben der Veranstalter 70 Dezibel laut. Das Glockenspiel einer Kirche solle mit den Tönen nachempfunden werden, beschreibt es die Künstlerin: Hörbar für jeden, wie der Ruf eines Muezzins, doch im Gegensatz zu den religiösen Erinnerungshilfen solle Hillers Musik nicht nur für bestimmte Gruppen gedacht sein. Keine Kreatur möchte sie ausschließen - keine Christen, keine Moslems – und auch nicht das Unkraut des Brachlandes.

Nun ist der Schuttberg verstummt. Unbekannte Täter haben die Kabel durchtrennt, die die im Hügel versteckten Boxen mit Strom versorgen. Zuvor hatte es mehrere Beschwerden von Anwohnern gegeben, denen der „zu jedem singende Glockenklang“ zu viel wurde. Als „wahnsinnigen Lärm“ bezeichnet etwa Christiane Köhler die Klanginstallation. Sie hat sich beim bezirklichen Ordnungsamt beschwert und ihre Psychotherapiepraxis vorerst geschlossen – wegen der „Dauerbeschallung“. Das für Lärm zuständige Umweltamt untersuchte die Installation und forderte die Veranstalter auf, die Lautstärke der Installation auf 55 Dezibel zu drosseln. Gelärmt werden darf auch nur noch von 10 bis 19 Uhr. „Wenn sich die Veranstalter daran halten, sind sie rechtlich nicht angreifbar“, sagt Regine Grafe, Leiterin des Umweltamtes.

Margit Boekhoff, die täglich neben dem Gelände in einer Behörde arbeitet, hat keine Probleme mit dem Lärm. „Ich finde die Klänge phantasievoll und abwechslungsreich – eigentlich fast bereichernd“, sagt sie. Gegen die unbekannten Lärmgegner wurde Anzeige erstattet und Walter Porhäusel dreht weiter jede Nacht seine Runden.

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