Berlin : "Ungenügend" für die Lehrer der Islamischen Föderation

Susanne Vieth-Entus

Mit der grenzenlosen Freiheit für Religionsgemeinschaften an Berliner Schulen dürfte bald Schluss sein. Die Senatschulverwaltung will durch eine Gesetzesänderung mehr Einfluss auf die Wahl der Lehrkräfte und auf den Rahmenplan sichern. Wenn sich die neue Regierung rasch einigt, könnte die Neuregelung bereits zum kommenden Schuljahr in Kraft treten - unabhängig davon, ob es dann auch schon eine generelle Einigung zum Thema "Religionsunterricht" gibt.

Wie dringend nötig eine stärkere Mitsprache der Schulaufsicht ist, zeigt der Start der Islamischen Föderation. Obwohl ihr vom Verfassungsschutz kürzlich wieder bescheinigt wurde, dass sie unter den Einfluss der "islamisch-extremistischen" Vereinigung Milli Görüs stehe, durfte die Schulverwaltung weder bei den Rahmenplänen noch bei der Lehrerauswahl mitreden.

Die Religionsgemeinschaft nutzte diesen Freibrief auf ihre Weise. Wie der Tagesspiegel erfuhr, verfügt ihr Lehrer Kemal Ö., der jetzt an einer Weddinger Grundschule Islamunterricht gibt, über keine pädagogische Ausbildung. Sein Kreuzberger Mitstreiter Yunus K. hat sich nie wissenschaftlich mit dem Islam befasst und kann auch kein in Deutschland anerkanntes Hochschulstudium nachweisen. K. hat lediglich mit 20 Jahren ein Diplom in der Fachrichtung "Deutsch" am Fachbereich Fremdsprachenpädagogik der Gazi-Universität von Ankara erworben. "Beide Lehrer wären draußen, wenn für die Religionsgemeinschaften die selben Vorgaben wie für den öffentlichen Schuldienst gelten würden", steht für Thomas John, den Sprecher von Schulsenator Klaus Böger (SPD), fest.

Zu denken gibt manchen nicht nur die fehlende Qualifikation, sondern auch die Biographie einer der beiden Männer. Kemal Ö. hat nämlich schon als Schüler die Türkei verlassen, 1983 in Kairo Abitur gemacht und dann in Jordaniens Hauptstadt Amman Islamwissenschaften studiert. Dann studierte er an der FU zwischen 1989 und 1997 nochmals Islamwissenschaften sowie Politologie und Arabistik. Seine Magisterarbeit schrieb er über Islamisches Recht.

Der Sprecher der Islamischen Föderation, Burhan Kesici, kann an diesem Werdegang nichts Negatives finden. Schließlich könne man ja auch "Amerikanistik in den USA studieren". Dagegen heißt es beim Türkischen Bund, der Weg über Kairo und Amman sei so "ungewöhnlich", dass man sehr wohl Anlass für "Spekulationen" über eine möglicherweise fundamentalistisch-extremistische Gesinnung von Kemal Ö. sieht. Ob dieser Lehrer Mitglied bei Milli Görüs ist, weiß der Türkische Bund nicht zu sagen. Im übrigen ist man vorsichtig mit Äußerungen über die Föderation.

Und das ist verständlich. Die Föderation reagiert ausgesprochen empfindlich, wenn man sie auf fundamentalistische Tendenzen anspricht und ist mit Gegendarstellungen schnell bei der Hand. Aber sie gibt der Öffentlichkeit auch nicht die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild von ihrer Arbeit zu machen, sondern schottet sich ab. Anfragen des Tagesspiegel zum Besuch einer Jugendeinrichtung der Föderation wurden ebenso abschlägig beschieden wie der Wunsch, mit den Lehrern zu sprechen. Kesici begründet dies damit, dass der Ton der Journalisten "komisch" geworden sei. Immerhin stellt er in Aussicht, dass mit den Lehrern "im Dezember" geredet werden dürfe.

Zwar betont die Föderation, dass ihre Lehrer genügend qualifiziert seien. Sie ist sich aber mit dem Türkischen Bund und der Senatsschulverwaltung darin einig, dass Berlin dringend einen Studiengang für Islam-Lehrer braucht. Erste Gespräche mit den Universitäten wurden bereits geführt. Allerdings ist noch völlig unklar, ob sich die islamischen Gruppierungen auf einen gemeinsamen Lehrstuhl einigen können. Bisher sind alle Versuche gescheitert, die Gruppen zusammenzuführen.

Diese Unvereinbarkeit zeigt sich auch an den Schulen. So wollen die Alewiten, die eine liberale Ausrichtung des Islam repräsentieren, im kommenden Schuljahr der Föderation Konkurrenz machen. "Wir beginnen in mindestens drei Schulen", kündigte Vorstandsprecher Ferhat Güneyli gestern an. Der Türkische Bund setzt weiterhin auf das bekenntnisneutrale Fach "Islamkunde".

Wie es jetzt mit den Vorbereitungen zur Islamkunde weitergeht, hängt ebenso wie die gesamte Frage der Religions- und Wertevermittlung an den Koalitionsverhandlungen. Und da kann man auf manche Überraschung gefasst sein. Schon vor der Wahl gab es in der SPD-Fraktion Anzeichen für eine Abkehr von der strammen Linie gegen den staatlich verantworteten Religionsunterricht. Dadurch könnte es vielleicht einfacher werden, einen gemeinamen Weg mit der FDP zu finden, die ein ordentliches Unterrichtsfach "Religion" innerhalb eines Wahlpflichtbereichs will.

Falls eine Einigung nicht gelingt, ist allen klar, dass man ein Vorschaltgesetz braucht, um wenigstens die Qualifikation der Lehrkräfte festzulegen. Denn zum neuen Schuljahr will die Islamische Föderation angeblich 18 neue Lehrer rekrutieren.

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