Berlin : Ungewohnte Töne

Das Anatolian Jazz Orchestra verbindet Big-Band-Sound mit Volksliedern aus der Türkei

Karolina Kühn

Remzi Emek nimmt seine Posaune. Er beginnt eine kleine orientalische Melodie zu spielen. Ein kurzer Moment Stille, dann kommt das Schlagzeug, und nach und nach setzen neun weitere Instrumente ein. Die schlichte Weise geht über in den swingenden Groove einer Big Band, bestimmt aber weiterhin den Klang. Ist das türkische Musik? Oder Jazz? Oder beides? „Das nächste Lied kommt von der Schwarzmeerküste – dort leben unsere Ostfriesen“, erklärt Remzi Emek zwinkernd – Landeskunde für Jazzliebhaber.

Seit zwanzig Jahren lebt der türkische Posaunist in Berlin – und lange hat er darüber nachgedacht, wie er die Volksmusik seiner Heimat mit seiner Liebe zum Jazz verbinden könnte. „Warum soll ich die Stücke von Duke Ellington spielen, wenn ich ein unerschöpfliches Notenmaterial der Musik habe, die meiner Kultur entspringt? Für mich sind die anatolischen Volkslieder etwas Natürliches, Einfaches – in meiner Erinnerung gibt es sie schon immer.“ Remzi Emek suchte einen Arrangeur und fand den Berliner Komponisten Dieter Jalowietzki, der die Melodien der anatolischen Lieder mit dem Sound einer Big Band verband. Vor einem Jahr gründete Emek das Anatolian Jazz Orchestra, eine deutsch-türkische Jazzband.

„Unsere Musik ist wie ein europäisches Essen mit türkischen Gewürzen“, sagt Emek. Die Bandmitglieder, acht Deutsche und zwei Türken, kannten sich aus der Musikszene; alle sind Profimusiker. Sie kommen aus ganz verschiedenen Bereichen – so spielt Thomas Richter auch Bassposaune in der Deutschen Oper. Und Özgür Ersoy unterrichtet Saz, eine Art Laute, und Mey, die türkische Oboe, an einer eigenen Musikschule.

Schwierigkeiten, ein so großes Ensemble zu besetzen, hatte Emek nicht. „Zwar verdienen die Musiker mit keiner Band so wenig wie mit dieser, aber alle machen gerne mit, denn bei uns gibt es eigentlich nie stinkende Luft.“ Remzi Emek gerät ins Schwärmen. Er habe schon mit vielen Bands in Berlin gespielt, aber das Gefühl sei noch nie so gut gewesen wie bei dieser Band. „Wir passen menschlich gut zusammen und haben uns derselben Sache verschrieben.“ Kulturelle Unterschiede seien dabei unwichtig. „Für alle steht die Musik im Mittelpunkt.“ Die Sprache bei den Proben ist Deutsch – aber einige der deutschen Bandmitglieder lernen auch schon Türkisch.

Das Publikum ist bei jedem Konzert anders. „Wir haben schon im türkischen Theater gespielt, da waren natürlich mehr türkische Zuhörer da. Im Nachbarschaftshaus in Lichtenberg sind es eher Deutsche.“ In den vergangenen Jahren hatte der 52-jährige Posaunist manchmal darüber nachgedacht, in die Türkei zurückzugehen, aber „seit ich diese Band habe, kommt das für mich nicht mehr in Frage“. Sein größter Traum ist es, in Istanbul aufzutreten. Dort hatte er die Jazzmusik für sich entdeckt – mit 23 Jahren auf einem Konzert des Posaunisten Albert Mangelsdorff. „Istanbul hat einerseits eine sehr rege Jazzszene. Auf der anderen Seite wird die traditionelle Volksmusik viel gehört. Ich würde den Menschen dort gerne zeigen, dass folkloristische und jazzige Musik zu einem harmonischen Ganzen wachsen kann.“

Die nächsten Auftritte: 10. April in der Kunstfabrik Schlot (Edisonhöfe; Chausseestraße 18; 10115 Berlin, Beginn 21 Uhr 30), 12. Mai im B-Flat (Rosenthaler Straße 13, Mitte, 22 Uhr). Infos www.anatolianjazz-orchestra.de

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