Berlin : Unheimliche Begegnung

Neuzugang im Wachsfigurenkabinett: Anne Frank schreibt in ihr Tagebuch Junge Besucher fotografieren sie wie einen Star – und werden doch ganz still.

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Ein Vorbild.
Ein Vorbild.Foto: dpa

Sie lächelt, sie schaut den Jugendlichen und Erwachsenen, die sie umringen, offen in die Augen. Als sei sie nur für einen kurzen Moment erstarrt. Doch das Mädchen Anne Frank ist seit fast 67 Jahren tot, verschleppt von den Nazis aus ihrem Amsterdamer Versteck starb sie kurz vor Kriegsende im KZ Bergen-Belsen.

Unheimlich wirkt ihr lebensechtes Abbild, das seit Freitag im Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds Unter den Linden ausgestellt ist: Ein paar Sommersprossen liegen auf der Nase, die gewellten, braunen Haare fallen auf die Schulter, in der Hand hält sie den Füller, weil sie gerade in ihr Tagebuch schreibt. Und alle paar Sekunden erhellen die Blitzlichter der Digitalkameras die Szenerie. Ein Mädchen sieht aufs Display. „Toll, sieht auch auf dem Foto total echt aus!“ Die Wachsfigur wird abgelichtet wie ein Star. Doch die jungen Besucher, die kurz zuvor noch kichernd neben Liza Minnelli posieren und später Madonna lautstark begrüßen, werden hier plötzlich leise.

Das Kabinett hat für Anne Frank eine Zimmerecke direkt gegenüber von Sophie Scholl eingerichtet. Links steht die 1943 von den Nazis ermordete Widerstandskämpferin an einem Fenstersims, rechts hat Anne Frank Platz genommen. Stuhl, Schreibtisch, das Tagebuch, ja selbst die leicht verblichenen Tapeten sind originalgetreu dargestellt. „Genau so, wie es in ihrem Zimmer aussah, in dem sie von 1942 bis zur Deportation 1944 in Amsterdam lebte,“ sagt Tussauds-Sprecherin Nina Zerbe. Rechts ist die kleine grüne Tür zu sehen, die zum Schlafzimmer der Eltern führte. In diesem Versteck verbarg sich die jüdische Familie bis zur Deportation. Die Szenerie wurde mithilfe von Fotodokumenten der Räume nachgestellt.

Zum Einzug von Anne Frank war Freitag früh eine sechste Klasse der Moabiter Grundschule eingeladen, die ihren Namen trägt. Doch auch internationale Presseteams nahmen das Mädchen im beigen Baumwollkleid vor die Linse. „Was für ein Zirkus“, merkten manche älteren Besucher kritisch an. Eine seltsam gemischte Wachsgesellschaft ist hier versammelt: Karl Marx mit seinem Rauschebart sitzt schräg gegenüber in Denkerpose, um die Ecke grüßen Churchill, Adenauer und Kennedy – ein paar Schritte weiter brütet Adolf Hitler düster hinter der Scheibe eines nachgebauten Bunkers. Man hat die Figur dorthin in Sicherheit gebracht, nachdem ihr 2008 ein empörter Besucher den Kopf abgerissen hatte. Gruselattraktion oder lebendiger Geschichtsunterricht? Die Ansichten der Gäste sind geteilt. Anne Frank lächelt unterdessen weiter. „Sie war eine optimistische Person“, sagt Tussauds-Sprecherin Zerbe. „So hoffnungsvoll wollten wir sie auch darstellen.“Christoph Stollowsky

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