Berlin : Uni-Klinikum vor dem Aus?: Der Steglitzer Patient

Hunderte Studenten, Professoren und Mediziner haben am Freitag in Berlin gegen die Abwicklung des Fachbereichs Humanmedizin der Freien Universität (FU) und eine mögliche Privatisierung des Uniklinikums Benjamin Franklin (UKBF) protestiert. In einem Sternmarsch zogen sie am Nachmittag zum Internationalen Congress Centrum (ICC), wo der SPD-Landesparteitag am Abend die Koalitionsvereinbarung mit der PDS billigen sollte. Beide Parteien sehen keine Alternativen zu drastischen Einsparungen in der Hochschulmedizin.

Unterstützung bekamen die Demonstranten von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Der Beschluss der rot-roten Koalition füge Berlin schweren Schaden zu, sagte Verdi-Landeschefin Susanne Stumpenhusen. Damit seien 5 000 hochqualifizierte Arbeitsplätze sowie indirekt Stellen bei Zulieferern, Dienstleistern und Handwerkern gefährdet. Darüber hinaus habe das auf vielen medizinischen Gebieten führende Klinikum "unverzichtbare Aufgaben" bei der Gesundheitsversorgung zu erfüllen.

Die Initiative "An Morgen denken" forderte SPD und PDS zur Rücknahme ihrer Entscheidung auf. Sie verwies auf die außerordentlichen Forschungsleistungen des Uniklinikums Benjamin Franklin und die wirtschaftliche Bedeutung. Das Schreiben an die Landeschefs beider Parteien unterzeichneten auch Gerhard Ackermann für die Landeshochschulrektoren-Konferenz, Detlev Ganten vom Max-Delbrück-Zentrum, DaimlerChrysler-Vorstand Norbert Bensel und IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Hertz.

Für die wissenschaftspolitische Sprecherin der Berliner Grünen-Fraktion, Lisa Paus, steht die Zukunftsfähigkeit Berlins auf dem Spiel. Das Klinikum nehme eine internationale Spitzenstellung ein. Seine Schließung würde auch einen herben Schlag für die Bio-Medizin bedeuten. Paus kritisierte, dass "alle konstruktiven Bemühungen" der Wissenschaftsverwaltung unter der Grünen-nahen Senatorin Adrienne Göhler von der rot-roten Koalition "zunichte gemacht" worden seien.

Göhler hatte im Dezember eine Verletzung der Hochschulverträge beklagt, wonach den Unis bis 2005 Planungssicherheit garantiert wurde. Strukturveränderungen sollen nach diesen Verträgen von Expertenkommissionen ergebnisoffen diskutiert werden, was nach dem rot-roten Schließungsbeschluss nicht mehr möglich sei.

Der wissenschaftspolitische Sprecher der PDS, Benjamin Hoff, gab am Freitag zu, dass sich die Freie Universität in einer "Erpressungssituation" befinde. Andererseits gelten die Hochschulverträge nur bis 2005, und die "Verlagerung der medizinischen Fakultät" solle bekanntlich bis Anfang 2006 abgeschlossen sein. Die meisten Argumente der Schließungs-Gegner kann Hoff nachvollziehen. So sei der Verlust der Drittmittel schmerzlich und das Aus für die Genomforschung an der FU "tragisch", sagte Hoff dem Tagesspiegel.

Die FU-Frauenbeauftragte Mechthild Koreuber verwies darauf, dass 70 Prozent der Beschäftigten im Medizin-Bereich Frauen sindund deren Jobs nun gefährdet seien. Außerdem seien zahlreiche Frauenforschungs-Projekte in der Medizin bedroht.

Im FU-Fachbereich Medizin werden gegenwärtig 4300 künftige Ärzte ausgebildet. Zudem lernen dort viele junge Leute Krankenpflege- und Verwaltungsberufe.

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