Uniklinik : Ein Diamant, der im Verborgenen strahlt

Wird die Uniklinik Benjamin Franklin ein normales Krankenhaus? Fällt die Forschung weg, wäre das fatal, sagen die Wissenschaftler.

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Zukunft unsicher. Stationsalltag im umstrittenen Uniklinikum am Hindenburgdamm in Steglitz.

Es ist legendär - legendär hässlich. Das Gitter aus spitzen Betonelementen, das die Fassade des Universitätsklinikums Benjamin Franklin (UKBF) in Steglitz umgibt, gleicht einem steinernen Stacheldraht oder der vergröberten Version einer westdeutschen Kaufhausfront der 60er-Jahre. Aber: „Für mich ist dieses Klinikum wie ein Rohdiamant. Außen vielleicht unansehnlich, aber innen unschätzbar wertvoll.“ Eckhard Thiel, gebürtiger Tübinger, arbeitet hier seit 1988. Er ist Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie – eine von insgesamt 22 Kliniken unter dem Dach des UKBF, zu denen noch einmal ebenso viele wissenschaftliche Institute und eine Reihe von interdisziplinären Zentren hinzukommen. Mit der Metapher vom Rohdiamanten umschreibt Thiel die starke Vernetzung der Forschung innerhalb des Benjamin Franklin. Eine Vernetzung, die von den Architekten des Gebäudes auch so gewollt war.

Unter dem Namen „Klinikum Steglitz“ wurde es zwischen 1959 und 1969 auf Initiative von Eleanor Dulles erbaut, der Schwester des ehemaligen amerikanischen Außenministers John Foster Dulles, die auch die Kongresshalle im Tiergarten angeregt hat. Damit bekamen West-Berlin und die Freie Universität ein eigenes Universitätsklinikum, dessen besondere Kennzeichen bis heute Kompaktheit und kurze Wege sind. Das UKBF vereint unter einem Dach drei Funktionen: Medizinische Versorgung, Forschung und Lehre. Im zentralen, kubusförmigen Gebäude sind die OPs und die Labore untergebracht, es wird flankiert von zwei pfeilförmigen Bettenhochhäusern, in denen sich die Stationen befinden. Die Hörsäle sind im Erdgeschoss. In den USA war diese Kompaktbauweise damals schon weit verbreitet, in Deutschland war sie neu, fand aber mit den Kliniken in Aachen oder Münster eine Fortsetzung. Seit 1994 trägt das Klinikum den Namen „Benjamin Franklin“. Für den Südwesten Berlins – aber auch für Brandenburg, das keine eigene Hochschulmedizin hat – ist es von enormer, auch emotionaler Bedeutung. Als der Senat 2002 erstmals die Schließung diskutierte, waren schnell Hunderttausende von Protestunterschriften zusammen.

Seit 2003 gehört das UKBF zur Charité, die wiederum die gemeinsame Hochschulmedizin von FU und HU bildet – ein mühsam erkämpftes Kompromisspaket, das Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) jetzt wieder aufschnüren will: Das UKBF solle aus der Charité herausgelöst und an den landeseigenen Klinikkonzern Vivantes übertragen werden, so sein Vorschlag. Dafür würde das Vivantes Auguste-Viktoria-Krankenhaus geschlossen werden. Das würde bedeuten, dass das UKBF seinen Status als Universitätsklinikum verliert, die Forschung müsste an andere Charité-Standorte verlagert werden.

„Es wäre eine Regression“, sagt Eckhard Thiel. „Ein gut funktionierendes Universitätsklinikum würde auf ein niedrigeres Niveau gedrückt.“ In der breiten Basisversorgung und der operativen Geschicklichkeit seien die Vivantes-Kliniken völlig wettbewerbsfähig, „aber für klinische Studien sind sie nicht aufgestellt. Grundlagenforschung ist an einem städtischen Krankenhaus undenkbar.“ Diese Grundlagenforschung findet bei ihm, der im Laufe seiner Professorenlaufbahn 32 Habilitationen betreut hat, in sieben Arbeitsgruppen statt, die sich etwa mit der Entstehung von Leukämie und ihrer molekularen Diagnostik, mit der Entwicklung von Tumorvakzinen oder experimenteller Stammzellentransplantation beschäftigen und außerdem die weltweit größte Studie zu Erkrankungen von primären ZNS (Zentrales-Nervensystem)-Lymphomen bei bisher 560 Patienten durchführen. Stolz zeigt Thiel außerdem einen Bericht des New England Journal of Medicine, der angesehensten Medizinzeitschrift überhaupt, in dem er und seine Mitarbeiter über einen Erfolg ihrer Arbeit berichten: Bei einem HIV-infizierten Patient mit Leukämie soll nach der Transplantation eines sehr seltenen Typs von Stammzellen die HIV-Infektion langfristig unter Kontrolle gekommen und der Patient gegen das Virus immun geworden sein.

Dann führt er durch die renovierte Station: „Hier blitzt alles.“ Rund die Hälfte des Krankenhauses sei in den letzten Jahren erneuert worden. Natürlich habe der Bau auch von innen immer noch eine etwas nachlässige Anmutung, aber so schlecht, wie er gemacht wird, sei er nicht. Weniger als eine Minute braucht er, um von der Bettenstation hinüber in die Labore zu wechseln. Genau diese räumliche Nähe und Präsenz ist es, die Thiel am Benjamin Franklin so schätzt und die den Transfer von Wissen und Technologie „vom Labortisch ans Bett“, wie er es nennt, so leicht mache. Mit seinem Kollegen Bernd Dörken, Leiter der hämatologischen Klinik am Virchow-Krankenhaus, sei er sich einig, dass eine Zusammenlegung der beiden Kliniken der absolut falsche Weg wäre: „Dann entstünde eine riesige isolierte hämatologische Abteilung. Wir wollen aber gerade integriert sein in den Ablauf eines normalen Krankenhauses.“ Das auch deshalb, weil nach einer Transplantation häufig Folgeerkrankungen entstehen können. Zum Abschied erzählt Thiel: „Ich bin damals vom Klinikum Großhadern aus München nach Berlin gewechselt und wundere mich bis heute, wie wenig die Universitätsmedizin vom Berliner Senat im Unterschied zu Bayern geschätzt und geachtet wird.“

Viele Einzelprojekte aus den Arbeitsgruppen von Eckhard Thiel sind mit anderen Forschungsbereichen vernetzt. Drei Sonderforschungsbereiche gibt es am UKBF, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden. Einer davon, er hat rund 60 Mitarbeiter, befasst sich mit dem Darm, der größten Fläche des Körpers, die über die Nahrungsaufnahme Kontakt zur Außenwelt hat. Auseinandergefaltet wäre ein menschlicher Darm etwa so groß wie ein Fußballfeld. „Im Darm leben zehnmal mehr Bakterien als der Mensch Körperzellen hat“, sagt Martin Zeitz, Leiter der Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie und Sprecher des Sonderforschungsbereichs. „Wir untersuchen, warum der Körper so friedlich mit diesen Bakterien zusammenleben kann – oder eben nicht, nämlich dann, wenn es zu chronischen Entzündungen kommt, wie bei Morbus Crohn.“ Die Bedingungen am UKBF seien „optimal“, sagt er. Wichtige verwandte Abteilungen wie die Mikrobiologie, Immunologie und die Abdominalchirurgie seien gleich um die Ecke. Für eine Verlagerung seien in Mitte und am Virchow-Krankenhaus überhaupt nicht genügend Räume und Strukturen vorhanden. Die Diskussion um eine Aberkennung des universitären Status schade seinem Sonderforschungsbereich sehr, etwa wenn es darum geht, Fördergelder neu zu beantragen. Außerdem werde es immer schwerer, qualifizierte Mitarbeiter zu finden – die würden sich dann nämlich nicht einmal mehr bewerben.

Eine dieser qualifizierten Mitarbeiterinnen ist Britta Siegmund, Oberärztin an der gastroenterologischen Klinik und Leiterin einer Arbeitsgruppe, die sich mit chronischen Darmentzündungen befasst. „Zwar könnten wir theoretisch mit allen Geräten und Mitarbeitern nach Mitte umziehen. Aber es fehlen geeignete Räume und bisherige Partner, und bis alles wieder funktioniert, verlieren wir mindestens ein bis zwei Jahre. Und wer erstmal ein Jahr nicht arbeitsfähig ist, ist sofort aus der DFG-Förderung raus.“ Ja, die Diskussion sei sehr demotivierend. Aber vor acht Jahren haben die Mitarbeiter ja schon einmal Ähnliches durchgemacht. Deshalb ist die Stimmung jetzt einigermaßen ruhig. „Jeder bewahrt die Ruhe und beobachtet den nächsten Schachzug. Manchmal erscheint es uns, als seien der Politik mal wieder die Themen ausgegangen.“ Vielleicht hilft es, ausgerechnet das Betongitter an der Fassade einmal länger zu betrachten. Schaut man nämlich genau hin, erscheinen die spitzen Stacheln auf einmal wie Arme und Beine und das ganze Gerüst wie eine riesige Ansammlung kleiner Tänzer. Nichts ist so hässlich, wie es auf den ersten Blick erscheint. In Steglitz wusste man das schon lange.

Das Gebäude. Wegen der Teilung der Stadt brauchte West-Berlin ein eigenes Uni-Klinikum.Es entstand 1959 bis 1969 in Steglitz.

US-Hilfe. Ein Fünftel der Baukosten von 152 Millionen Euro zahlten damals die USA. Um das zu würdigen, heißt die Klinik seit 1994 Benjamin Franklin Klinikum.

Forschung. Zur Eröffnung war die Klinik Steglitz das modernste Forschungsklinikum Europas mit Krankenstationen, Instituten und Hörsälen unter einem Dach. Der Streit. Seit 2003 gehört das Klinikum zur Charité. Wegen der Sanierungskosten des 1000-Betten-Hauses wird diskutiert, es zu privatisieren. Die Forschung fiele dann weg.

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