Berlin : Unikliniken wollen den ambulanten Markt erobern

Christoph Stollowsky

Die Universitätskliniken geben sich kämpferisch. "Wir wollen das Behandlungsmonopol der Kassenärzte aufbrechen", verkünden sie - und das bedeutet: Ihre Polikliniken sollen mehr ambulante Patienten versorgen und dafür dann auch besser bezahlt werden.

Ihre jetzigen Honorare seien nicht kostendeckend, heißt es. Hintergrund des Vorstoßes sind aus Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) die Finanznöte der Unikliniken und der Bettenabbau in Berlins Krankenhäusern. "Die Kliniken wollen sich neues Terrain erobern", meint KV-Geschäftsführer Dusan Tesic.

Zum Thema Newsticker: Aktuelle Meldungen aus Berlin und Brandenburg Die gesetzlichen Krankenkassen und der Senat streben allerdings das Gegenteil an. Patienten, die ambulant versorgt werden können, sollen um die Kliniken einen Bogen machen und sich von niedergelassenen Ärzten behandeln lassen, deren Schwerpunktpraxen in den vergangenen Jahren auch für komplizierte "Fälle" wie Krebs- und HIV-Patienten ausgebaut wurden. Dahinter steht auch eine gewisse Skepsis gegenüber Klinikärzten, die erfahrungsgemäß eher dazu neigten, Kranke stationär einzuweisen. Teure Krankenhausaufenthalte seien die Folge, heißt es.

Dennoch gehen die Charité und das Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Steglitz nun in die Offensive. In ihren Polikliniken werden wöchentlich tausende Patienten in den unterschiedlichsten Fachrichtungen von Urologie bis Zahnheilkunde ambulant behandelt. "Vor allem am Wochenende strömen die Kranken massenhaft zu uns", heißt es bei der Charité. Deshalb sei der ursprüngliche Status der Polikliniken von der Wirklichkeit längst überholt.

Eingerichtet wurden sie einst "zur Unterstützung von Forschung und Lehre" an den Universitätskliniken, damit angehende Ärzte im Verlauf ihres Studiums nicht nur auf Station Erfahrungen sammeln, sondern auch ambulant arbeiten können. Offiziell sollen sie dabei Krankheitsbilder behandeln, "die für Forschung und Lehre relevant sind." Tatsächlich kommen zu ihnen aber viele Patienten mit Husten, Schnupfen, Heiserkeit und anderen Alltagskrankheiten.

Für jede Behandlung erhalten die Polikliniken von den Kassenärztlichen Vereinigungen pauschal 78 DM. "Unsere Kosten sind dadurch natürlich nicht gedeckt", sagt Charité-Verwaltungsdirektor Bernhard Motzkus und fordert eine höhere Vergütung, die er mit den Kassen künftig direkt aushandeln will. Wesentlich mehr als die niedergelassenen Mediziner wird er aber kaum herausholen können, zumal deren Honorare in einigen Fachbereichen sogar geringer sind als die Klinik-Pauschale und in den vergangenen Jahren stark schrumpften.

KV-Geschäftsführer Tesic: "Wir sind gespannt, wie die Polikliniken mit unseren schlechten Konditionen klarkommen." Für manche ambulante Operation beispielsweise erhält ein HNO-Arzt nach Abzug aller Kosten rund 20 bis 30 Mark Honorar.

Angesichts dieser Situation erscheint den niedergelassenen Ärzten der Vorstoß der Uni-Kliniken eher als Schützenhilfe, denn als Angriff der Konkurrenz. Immerhin argumentieren beide Seiten beim Kampf um höhere Honorare nahezu wortgleich - mit gutem Grund: Denn Aufwand und Behandlungsmöglichkeiten sind in Facharztpraxen und Polikliniken ähnlich, seit das Netz ambulanter Schwerpunktpraxen ausgeweitet wurde. Inzwischen wird sogar die Mehrzahl der Schwerkranken wie Krebs- und HIV-Patienten von niedergelassenen Medizinern versorgt. Das erspart lange Klinik-Aufenthalte und den Kassen viel Geld.

Im bundesweiten Vergleich hat Berlin nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) bereits die wenigstens Klinik-Einweisungen pro 1000 Einwohner. Diesen Erfolg sieht die KV gefährdet, sollten die Polikliniken stärker in den ambulanten Markt vordringen. Dabei verweist sie auf ein Experiment, das in den Ambulanzen einiger Krankenhäuser läuft: Dort werden niedergelassene Ärzte als "Gate-Keeper" (Torwächter) bei der Erstbehandlung eingesetzt. "Mit Erfolg", so KV-Geschäftsführer Tesic. "Sie veranlassten weniger stationäre Aufnahmen als Klinikärzte in gleicher Position."

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