Universitätsklinik : „Jetzt sind zwei Familien beschädigt“

Charité-Chef Karl Max Einhäupl spricht im Tagesspiegel-Interview über die Missbrauchsvorwürfe an seiner Klinik, Konsequenzen für die Mitarbeiter und die Zusammenarbeit mit dem Senat.

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Die Charité kommt nicht aus den Schlagzeilen.
Die Charité kommt nicht aus den Schlagzeilen.Foto: dpa

Die landeseigene Charité kommt nicht aus den Schlagzeilen. Erst hieß es, dass ein Baby wegen Keimbefalls gestorben sei. Die Klinik ging erst an die Öffentlichkeit, als der Fall in den Medien diskutiert wurde. Am Ende stellte sich zwar heraus, dass die Keime nicht den Tod des Kindes verursacht hatten. Doch die Klinik musste sich Fragen zur Einhaltung der Hygeniestandards gefallen lassen. Dann wurden kurz darauf Missbrauchsvorwürfe gegen einen Pfleger laut. Es vergingen Tage, ehe die Staatsanwaltschaft eingeschaltet wurde. Wie es mit der Charité weitergeht, der laut neuester Umfrage 62 Prozent der Berliner vertrauen, fragten wir den Vorstandsvorsitzenden der Klinik, Karl Max Einhäupl. Der Neurologe ist 65 Jahre alt.

Herr Einhäupl, Ihr Vertrag mit dem Senat läuft im Sommer aus. Bleiben Sie Chef der Charité?
Zu einem Vertrag gehören zwei. Die Charité hat sich großartig entwickelt und ihr stehen weitere Veränderungen bevor. Wenn ich sehe, dazu beitragen zu können, und das Land Berlin und der Bund dafür die Voraussetzungen schaffen, werden der Senat und ich darüber sprechen.

Zum aktuellen Missbrauchsverdacht sagten Sie: Sie zweifeln nicht an der Aussage der Patientin, die einen Charité-Pfleger beschuldigt hat. Allerdings konnte der Staatsanwalt die Jugendliche bislang nicht vernehmen.
In diesem Fall kann man sagen, was man will – für einige ist jede Antwort falsch. Wir waren gut beraten, vorsichtig zu sein und den Pfleger nicht an den Pranger zu stellen.

Charité-Chef Karl Max Einhäupl.
Charité-Chef Karl Max Einhäupl.Foto: Thilo Rückeis

Es sah allerdings so aus, als wäre für Sie klar: Der hat es getan.
Als wir kurzfristig zu einer ersten Pressekonferenz eingeladen haben, hatte ich von weiteren Verdachtsfällen gegen den Mann erfahren. Deshalb sagte ich, es bestehe für mich kein Grund für Zweifel. Auch wenn sich später herausstellte, dass die anderen Verdachtsfälle unbewiesen geblieben sind. Nun sind zwei Familien beschädigt – die des Pflegers und die des Mädchens. Uns wurde kaum die Chance gelassen, den Vorwürfen nachzugehen. Die Familie der Patientin wollte den Beschuldigten nicht anzeigen. Also haben wir geprüft, ob Anhaltspunkte vorliegen, um ihn selbst anzuzeigen. Warum sollten wir die Presse über einen Verdacht informieren, zu dem wir nichts Genaues wussten?

Wäre es nicht besser gewesen, die Polizei über diesenVerdacht zu informieren?
Falsch gelaufen ist, dass ich nicht einen Tag später über den Vorwurf informiert wurde. Dann hätte ich den Beschuldigten gleich angehört und entschieden, ihn anzuzeigen – auch weil die Chance, den Vorwurf aufzuklären, größer gewesen wäre. Dass ich erst sechs Tage später Details zu dem Fall erfahren habe, war ein Fehler. Wir arbeiten daran, dass so was nicht noch mal passiert. Aber Sie haben recht, unser Vorgehen konnte weder von der Patientin noch vom Pfleger den Schaden abwenden, der nun entstanden ist.

Werden Sie den Pfleger, der seit 40 Jahren in der Charité arbeitet, weiter beschäftigen, sollte sich der Vorwurf als falsch herausstellen?
Auch wenn sich der Verdacht als falsch herausstellt, wird es Gerüchte um den Mann geben. Er würde bei jeder Gelegenheit erneut ins Visier geraten.

Eine externe Kommission um die frühere Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) soll die Abläufe in der Charité untersuchen. Ist das nötig?
Ja, weil wir nicht nur den Einzelfall im Blick haben. Vielmehr sollen wir Vorschläge für bessere Kommunikationswege bekommen. Und die Kommission soll unsere Ideen bewerten.

Zum Beispiel?
Eine Ombudsperson. Welche Befugnisse die haben könnte, diskutieren wir.

Die Kommission hat für Mai einen Bericht angekündigt. Warum so spät?
Das wird ein solider Bericht. Und die hochkarätigen Mitglieder des Gremiums haben auch andere Verpflichtungen. Sie unter Zeitdruck zu setzen, wäre falsch.

Was kosten Zypries & Co. eigentlich?
Sie setzen sich unentgeltlich ein.

Nach dem Missbrauchsvorwurf haben Sie angekündigt, dass Mitarbeiter auf Kinderstationen erweiterte Führungszeugnisse vorlegen müssen. Daran gibt es Kritik: Weil jeder Kontakt mit einem Patienten sensibel sei, müssten Sie von allen 13000 Charité-Mitarbeitern dieses Zeugnis verlangen, sagen die einen. Andere weisen darauf hin, dass im aktuellen Fall das erweiterte Zeugnis nichts gebracht hätte. Der Pfleger hatte keine Einträge, auch keine im niedrigen Strafbereich.
Das erweiterte Führungszeugnis wird jene davon abhalten, an der Charité zu arbeiten, die einschlägig aufgefallen sind. Außerdem empfiehlt die Bundesstelle für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs diesen Schritt. Weil wir mit Augenmaß vorgehen, überprüfen wir nur Mitarbeiter in besonders sensiblen Stationen.

Die Charité gehört dem Land und wird zum Sparen verpflichtet. Rückt der Senat nun mehr Geld raus, weil Krisenbewältigung etwas kostet?
Das Gesundheitssystem funktioniert so, dass die Stadt nur die Kosten für Investitionen in Gebäude und Geräte übernimmt. Die Personalkosten bezahlen die Krankenkassen, also letztlich die Versicherten. Und die Verhandlungen mit den Kassen sind schwierig. Löhne und Preise für den laufenden Betrieb steigen um bis zu vier Prozent im Jahr. Wir bekommen aber maximal ein Prozent mehr.

Apropos Sparen. Fahrer, Wachleute und Reinigungskräfte sind nicht direkt an der Charité beschäftigt, sondern bei der Tochterfirma CFM. Die gehört zu 49 Prozent privaten Firmen, die Gewinne machen wollen. Wegen schlechter Arbeitsbedingungen kommt die CFM nicht aus den Negativ-Schlagzeilen.
Die Charité hat mehr als 100 Millionen Euro gespart, seit es die CFM gibt. Wobei ich auch sage: Die 8,50 Euro brutto Stundenlohn der CFM sind eine Zumutung. Doch das wird auf dem Markt gezahlt. Wenn die Kassen mehr Geld geben, reichen wir es an die Mitarbeiter weiter.

2011 haben sie 8,2 Millionen Euro Plus gemacht. Wie viel Überschuss werden es 2012?
Ich rechne mit mehr als vier Millionen Euro – auch wenn es ein sportliches Ziel ist.

Der Senat fordert mehr Kooperation mit den ebenfalls landeseigenen Kliniken von Vivantes. Als Keime auf dem Virchow- Campus der Charité auftraten, hat der Hygieneexperte Klaus-Dieter Zastrow Ihnen Schlamperei vorgeworfen. Herr Zastrow arbeitet bei Vivantes. Hat seine Äußerung dem Kooperationswillen geschadet?
Es ist nicht hilfreich, wenn sich jemand von Weitem früh zu komplexen Vorgängen äußert. Zumal festgestellt wurde, dass die Charité richtig gehandelt hat.

Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) befürwortet eine Pflegekammer, die wie die Ärztekammer für Qualitätsstandards da sein könnte. Eine gute Idee?
Wir werden alles unterstützen, was zur Qualitätssicherung beiträgt. Wir müssen klären, ob eine Kammer das besser leisten kann als die Einrichtungen und Regeln, die es schon gibt.

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