Berlin : Unruhe in den Grundschulen

Zöllners Ankündigungen zum neuen Schuljahr alarmieren Rektoren. Treffen im Roten Rathaus geplant

Susanne Vieth-Entus

Zwischen Erleichterung, Besorgnis und Wut schwankte gestern die Stimmung in den Schulen nach Bekanntwerden der Pläne von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) zum nächsten Schuljahr: Erleichtert waren alle Schulen, die noch nicht mit dem Jahrgangsübergreifenden Lernen (JüL) anfangen wollten und dies jetzt auch nicht müssen. Besorgt und wütend waren die JüL-Befürworter und alle Schulen, die Personal verlieren werden.

„Ich gehe jetzt in den Kampf“, kündigte etwa Ellen Hansen an, die Leiterin der Werbellinsee-Grundschule in Schöneberg an. Sie ist in mehrfacher Hinsicht betroffen. Zum einen wird sie wohl Lehrer verlieren, weil es künftig für große Klassen weniger Personal gibt. Zum anderen hat sie eine „Sauwut“ wegen des Aufschubs von JüL. Denn sie gehört zu den Pädagogen, die seit Monaten in Fortbildungen dafür warben, die Schülermischung einzuführen. Durch den Aufschub, den Zöllner gewährt, verpuffe die gerade mit Mühe gewonnene Bereitschaft vieler Kollegien wieder, befürchtet Hansen.

Probleme werden auch von Elternseite erwartet. Eltern, die Jül ablehnen, könnten nun versuchen, an Schulen zu „flüchten“, die noch nicht die Jahrgangsmischung einführen. Damit würden die Schulen bestraft, die sich bereits auf den Reformweg gemacht haben. „Eltern und Schulen fühlen sich getäuscht“, meint deshalb Erhard Laube vom GEW-Schulleiterverband.

Große Unruhe gibt es jetzt auch, weil noch keine Schule genau weiß, ob sie zum Schuljahresende Lehrer abgeben muss. Wie berichtet, können Schulen in sozialen Brennpunkten mit zusätzlichen Lehrern rechnen, auch wenn sie keine Migranten mit Sprachproblemen haben. Jetzt besteht die Angst, dass die Bezirke mit hoher Migrantenquote Lehrer abgeben müssen. Allerdings tappen zurzeit alle Rektoren im Dunkeln, weil die genauen Auswirkungen noch kompliziert berechnet werden müssen.

Unzufriedenheit herrscht auch bei einigen Ganztagsgrundschulen. Sie hatten auf wesentlich mehr Erzieher gehofft als sie jetzt bekommen sollen. Es könne sein, dass seine Schule dabei bleibe, das Ganztagsmodell abschaffen zu wollen, meinte der Leiter der Lichterfelder Kronach- Grundschule, Rainer Belusa.

Belusa, Hansen, Laube und all die anderen haben allerdings bald Gelegenheit, ihrer Wut und Besorgnis Ausdruck zu verleihen: Am Dienstag lädt Zöllner alle Rektoren ins Rote Rathaus, um ihnen Rede und Antwort zu stehen. Vielleicht werden sich dort aber auch die Schulleiter zu Wort melden, die froh sind über Zöllners Pläne – zum Beispiel die 28 Neuköllner Grundschulen, die von JüL nichts wissen wollten. Susanne Vieth-Entus

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben