Berlin : „Uns hilft friedlicher Protest“ – „Nein, Skandale“

Er, 30, ist von der Antifa – sie, 22, ist Katholikin Sie streiten über Randale und Ziele vorm G-8-Gipfel

Herr Laumeyer, wenn Sie die Möglichkeit hätten, zu den acht Regierungschefs zu sprechen, was würden Sie sagen?

Laumeyer:

Ich würde ihnen Torten ins Gesicht schmeißen.

Moser: Das ist ja sehr konstruktiv. Ich würde fragen: Wo sind denn die Fortschritte, die ihr versprochen habt? Wieso haben immer noch nicht alle Kinder Zugang zu Bildung und Nahrung?

Glauben Sie, dass friedliches Demonstrieren da hilft?

Moser: Für mich ist das die einzige Form. Laumeyer: Aber um Aufmerksamkeit zu erregen, braucht man Skandale. Das ist nicht abschätzig gegenüber der Latschendemonstration in Rostock gemeint. Aber danach beginnen die Aktionen in Heiligendamm. Wir werden die Zufahrtsstraßen blockieren und zivilen Ungehorsam üben. Der Gipfel soll gestört werden.

Überlegen Sie, den Zaun um das Tagungsgelände zu stürmen?

Laumeyer: Es wird eine Bewegung auf den Zaun zu geben. Und ich wäre nicht traurig, wenn er umgesägt würde.

Frau Moser, Herr Laumeyer, warum protestieren Sie beide eigentlich am Wochenende gegen den G-8-Gipfel?

Laumeyer: Die kapitalistische Weltordnung ist ungerecht. Es gilt, ein lautes „Nein“ zu formulieren.

Moser: Aus christlicher Perspektive fordern wir, dass endlich Hunger und Armut bekämpft werden. Diese Millenniumsziele wurden vor sieben Jahren von den UN beschlossen. Aber es stirbt immer noch alle sieben Sekunden ein Kind.

Laumeyer: Solche konkreten Forderungen haben wir nicht.

Warum denn nicht?

Laumeyer: Die G 8 können die globalen Probleme nicht lösen, weil sie sie verursachen. Sie wollen eine Wirtschaftsordnung durchsetzen, die die Gegensätze zwischen arm und reich verschärft. Die G 8 lassen sich nicht reformieren, sie sollten sich endlich auflösen.

Die G 8 haben keine Legitimation?

Laumeyer: Heiligendamm ist eine PR-Show. Das Treffen zwischen den acht Regierungschefs dauert fünf Stunden. Es werden 112 Millionen Euro ausgegeben. Die Könige sind nackt.

Moser: Im Großen und Ganzen haben die G 8 keine demokratische Legitimation, das stimmt schon.

Sie sind doch demokratisch gewählt.

Moser: Aber wer hat ihnen gesagt, dass sie sich so zusammensetzen sollen? Es gibt mehr als 190 Länder auf der Erde, aber acht entscheiden. Widerstand ist christliche Pflicht.

Laumeyer: Widerstand ist auch atheistische Pflicht.

Würden Sie auch handgreiflich werden?

Laumeyer: Wenn ich angegriffen werde, würde ich mich auf jeden Fall wehren. Ich habe aus Berlin viel Erfahrung mit Polizeieinheiten, die nur zuschlagen, weil sie Bock drauf haben. Man muss sich doch wehren

Moser: Ich finde das nicht gut. Ich sehe nicht nur die Demonstranten auf der einen Seite und die Polizei auf der anderen. Für mich sind das einzelne Menschen. Wenn ihr blockiert, provoziert ihr. Und wenn die Polizei für Recht und Ordnung sorgen will, kommt es eben zu Gewalt. Da kannst du nicht sagen, dass du angegriffen wurdest.

Laumeyer: Das Problem ist nicht der Einzelne. Es ist ein strukturelles. Klar sind die Polizisten Individuen, aber sie schützen ein gewalttätiges System.

Moser: Das Hochschaukeln findet doch auf der Ebene des Einzelnen statt.

Laumeyer: Aber das Hochschaukeln ist wichtig. Wir halten unseren Kopf hin.

Moser: Gewalt ist für mich kein Mittel. Weder gegen Sachen, noch gegen Personen. Hinterher berichten die Medien nur über den Krawall.

Laumeyer: Ich würde unterscheiden, gegen was sich die Gewalt richtet. Es ist absoluter Scheiß, kleine Läden zu zerschlagen. Aber ich kann nichts dabei finden, wenn ein McDonald’s oder eine Nike-Filiale entglast werden. Das sind Konzerne, die viel Leid verursachen.

Moser: Ich setze auf Aufklärung. Der Einzelne soll entscheiden, ob er die Multis durch Konsum unterstützen will. Ich kann keine Schadenfreude empfinden, wenn ein McDonald’s kaputtgeht. Auch nicht, wenn jede Nacht Autos brennen.

Laumeyer: Damit haben wir nichts zu tun.

Waren Sie von der großen Polizeirazzia bei G-8-Gegnern betroffen?

Laumeyer: Unser Laden in Kreuzberg wurde durchsucht. Die Polizei hat zwei Rechner und ein altes Unterhemd mitgenommen. Es sollte wohl für Geruchsproben dienen.

Moser: Ich habe mich richtig geärgert. Die Arbeit der Leute, die sich engagieren, sollte behindert werden. Trotz unserer Differenzen haben wir ja gemeinsame Ziele, wir wollen eine gerechtere Welt.

Laumeyer: Man kann ohnehin nur gemeinsam etwas bewegen. Das ist ja das Grundprinzip unserer globalisierungskritischen Bewegung.

Das Gespräch führte

Philipp Lichterbeck.

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