Berlin : „Uns kann keener“

Kein Strom, wenig zu essen, kaum Geschenke – doch die Berliner ließen sich Weihnachten 1948 trotz Blockade nicht unterkriegen. Und am 25. Dezember gingen zum ersten Mal die Rias-Insulaner auf Sendung

Volker Wagner

Im vierten Nachkriegswinter waren die Trümmer in Berlin noch allgegenwärtig. Die Alliierten verhandelten und stritten über die Zukunft Deutschlands. In der von allen Siegermächten gemeinsam besetzten und verwalteteten Stadt hatte seit Juni 1948 mit dem Beginn der sowjetischen Blockade über den Westteil Berlins der Kalte Krieg einen ersten Höhepunkt erreicht.

Was bedeutete für die Berliner das Weihnachtsfest 1948? Im Alltag richteten die Berliner zunächst ihren Blick auf das Notwendige. Im dritten Nachkriegswinter fehlte es an allem. Neben den Grundnahrungsmitteln fehlte es vor allem an Holz und Kohle. Dauernd musste improvisiert werden. Die Strom- und Gasversorgung war im Westteil der Stadt mehr oder weniger zusammengebrochen. Bereits vor der Blockade wurden die lebensnotwendigen Güter rationiert. Im Ostteil der Stadt sah es nicht viel anders aus. Auch hier herrschten Mangel und Bezugsmarken-Wirtschaft.

Der Alltag der Berliner unterschied sich in der schon politisch geteilten Stadt nur unwesentlich voneinander. Alle wollten ein schönes Weihnachtsfest. Alle wollten nur eines: Normalität. Weihnachten ist ein Fest der Ruhe, der Besinnlichkeit und des Lichts – das alles hatten die Berliner dringend nötig. Nach sechs Kriegsweihnachten hinter Verdunkelungsrollos und ohne festliche Beleuchtung in den Straßen sehnte man sich nach Licht. Noch immer blieb es in den Straßen weitgehend dunkel. In der Weihnachtszeit stellte die BVG im Westteil wegen Strommangels – wie schon im halben Jahr zuvor – gegen 18 Uhr den Betrieb ein.

Man hätte nicht einmal gucken können, wenn man gewollt hätte. Vom KadeWe zur Gedächtniskirche blieb alles im Dunkeln. Außer Ruinen gab es dort ohnehin wenig zu sehen. Es gab in der Weihnachtszeit 1948 für jeden Haushalt nur zwei Stunden Strom. Die Strom- und Gaszuteilung erfolgte im Westteil nach einem festen Schlüssel. Mal bekamen die Bewohner eines Viertels mittags zum Kochen Strom, mal aber musste früh um vier Uhr der Wecker gestellt werden, um die für den folgenden Tag einzige Ration bis sechs Uhr früh zu nutzen. Es wurden die paar gehamsterten Kartoffeln gekocht, einen Tag die Kartoffeln, den nächsten die Schalen.

Eine Notlage zog die nächste nach sich. Wer Glück hatte, legte sich im Wintermantel wieder ins Bett. Das kannte man ohnehin aus den Jahren der Luftangriffe. Der Weihnachtsbaum spielte für viele Berliner eine große Rolle. Ein Baum musste sein. Mehr als Geschenke, die es ohnehin nicht gab, denn zu kaufen gab es nichts. Wegen des Holz- und Kohlemangels standen aber nicht ausreichend Weihnachtsbäume zur Verfügung. Der Gymnasiast Achim Skrabei versuchte in Weißensee an Heiligabend 1948 einen Baum aufzutreiben, während Mutter und Schwester noch arbeiten mussten. Der Vater war gefallen. Nach stundenlangem Suchen und Mühen kam er sehr spät mit einem sehr mickrigen Bäumchen zurück und war glücklich. Der Baum war ein hölzernes Nichts, die ältere Schwester lachte ihn aus. Das tat ihr später leid. Unter Tränen schlichtete die Mutter und band weitere, einzelne Tannenzweige zwischen das müde Geäst, das unter den geschickten Händen der Berliner Mutter erst jetzt zu einem Weihnachtsbaum wurde.

Er versöhnte die Familie. Zum Geschenk gab es Decken von der Oma, die nach Weihnachten eingefärbt und in Wintermäntel umgearbeitet worden waren. Die Freude war groß. Überhaupt gab es nur Geschenke, die aus Vorhandenem selbst gebastelt worden sind. Wer nicht ausgebombt war, hatte dabei mehr Glück.

Die beiden Schwestern Ruth und Sigrid Rohrbacher waren in Tempelhof zu Hause. Die Wohnung in der Friedrich-Franz-Straße war noch bewohnbar. Es gab sogar noch ein Speisezimmer. Um die Tischplatte zu schonen lag, wie es damals in guten Häusern üblich war, zwischen Holz und Tischdecke eine Filzunterlage. Diese hatte Muttern für die beiden 17 und 13 Jahre alten Mädchen zu Handschuhen umgearbeitet. Sie wurden dann mit buntem Garn bestickt, von dem nur noch einige Zentimeter vorhanden war. Wie glücklich waren die Mädchen.

Jene, die noch das Glück hatten, in einer halbwegs unversehrten Wohnung zu leben, fehlte es oft an Fensterglas. Dela Starke, Jahrgang 1941, erinnert sich an das Weihnachtsfest 1948. Ihre Mutter hatte die Drei-Zimmer-Wohnung in Alt-Pichelsdorf mit gewaschenen Röntgenplatten halbwegs winterfest machen können. Drei Jahre nach dem Krieg mussten sie das noch immer fehlende Fensterglas ersetzen. Die Platten kamen aus einer Spandauer Schirmbildstelle, wohin die gelernte Hotelfrau Beziehungen hatte. Großeltern, Mutter, Tante und Tochter lebten im Haushalt Braun den Umständen der Zeit entsprechend beengt.

Vom geöffneten Fenster aus beobachtete die kleine Dela über dem Grunewaldturm die Flugzeuge, die unablässig Versorgungsgüter in den Westteil der Stadt brachten. Ein Care-Paket hatte es zu Weihnachten gegeben. Dela sah zum ersten Mal in ihrem Leben eine Zitrone. Die Tante ermunterte sie, hinein zu beißen. Dieser Weihnachtsspaß musste sein. Es gab dann zur Bescherung auch ein Geschenk. Einen einzigen selbst gebastelten Engel. Den hat die Dela noch heute. Ihr einziges Geschenk zu diesem Weihnachtsfest.

Heiligabend gibt es Kartoffelsalat und Würstchen. So war es im alten Berlin. Das war lange her, dachten sich die Berliner in der Blockadezeit. Denn Würstchen gab es keine und auch keinen Senf, kein Speck und wenig Fett. Selbst die Kartoffeln waren rar. Allerorten war Schmalhans Küchenmeister. Trockengemüse und Trockenkartoffeln bestimmten den Speiseplan. Und alle Formen von Ersatzstoffen.

Rolf Köpke und sein Bruder Horst hatten es am Lichterfelder Titzenweg im großelterlichen Haushalt für diese Zeit noch recht gut. Die elterliche Wohnung ging im August 1943 in Lankwitz verloren, aber beim Großvater, dem Standesbeamten von Lichterfelde, gab es dennoch reichlich Platz für die wohnungslose Familie. Kastanienmehl und Äpfel, die die Jungen gesammelt hatten, wurden zu einer Schokoladensuppe gekocht. Jedenfalls bildeten es sich die beiden ein, dass sie Schokolade äßen. Identisch war freilich nur die Farbe.

Oder man hielt ein Kaninchen. So wie Haufes im Ostsektor. Das Haus Esmarchstraße 2 im Bötzowviertel war im letzten Moment des Krieges noch davon gekommen. Die Hauptkampflinie ging hier mitten durch das Häusermeer vom Prenzlauer Berg. Deswegen wurden noch in den letzten Kriegstagen die Nachbarhäuser Nr. 3 und Nr. 4 gesprengt. Glück gehabt, die Nr. 2 blieb stehen. Und der Balkon wurde für eine Kaninchenzucht genutzt. Das bemerkten nicht einmal die Russen, die die Häuser auf der anderen Straßenseite beschlagnahmt hatten und dazwischen einen Bretterzaun aufgestellt hatten.

Das Lieblingskaninchen hieß Benjamin, weil es so klein und weiß und zart war. Keiner wollte Benjamin töten und schlachten. Der Vater, glücklich aus französischer Gefangenschaft zurück, erbarmte sich. Der Hunger war zu groß. Es verschwand in der Röhre. Und noch eins.

Wie sah es mit den vielen Flüchtlingen aus, die nach 1945 in großer Zahl aus den alten preußischen Provinzen kamen? Gerade an Weihnachten war der Verlust und die Entwurzelung besonders spürbar. Sehnsüchtig blickte man an den Fassaden der bewohnten und noch bewohnbaren Häuser hoch und stellte fest, dass jene vom Schicksal weniger stark Getroffenen noch ein Bett hatten und ein Zuhause, so klein und beengt es auch immer war.

Die Flüchtlingsmädchen Uschi und Maria Düring kamen aus Wartenburg bei Allenstein in Ostpreußen. Mit einer Freundin teilten sie sich eine kleine Wohnung in der Hufeisensiedlung in Britz. Man war entwurzelt und zufällig hierher verschlagen worden. Heimat war zunächst nirgends. Mit den Eltern zog man weiter in die Gegend von Magdeburg. Dort erlebten die 1950 nach Wannsee zurückgekehrten Neuberliner ein Paradies auf Erden. Bauern hatten in der schlechten Zeit der Flüchtlingsfamilie einen eigenen Apfelbaum zugeteilt, dessen Früchte nur den vier Heimatlosen zugedacht war. Das linderte das Los. Denn plötzlich hatte man wieder etwas Eigenes. Das nur einem selbst gehörte. Das Gefühl daran und die Äpfel waren wirklich ein doppeltes Geschenk. Und dann gab es das Schicksal der Heimkehrer.

Im Verlauf des Jahres 1948 sind 365 Transporte mit 266218 Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft über Berlin geleitet worden, 33353 davon waren Berliner. Die aus sowjetischer Gefangenschaft entlassen waren, waren in schlechter Verfassung. Sie waren zu großem Teil nicht arbeitsfähig. Jedem Heimkehrer wurde ein Überbrückungsgeld von 100 Mark gewährleistet. Doch wie weit kam man damit? Die Heimatstadt zertrümmert, die Wohnungen oftmals verloren.

Der Anschluss an die Familien gestaltete sich schwierig. Durch die jahrelange Trennung waren die Ehepartner voneinander entfremdet und die Kinder oft zu jungen Erwachsenen herangewachsen. Die Kleineren sahen ihren Vater oftmals zum ersten Mal. Und der Ernährer war nicht die wirtschaftliche Stütze der Familie, vor allem die Stütze der Frauen, nein, oftmals stellte er eine weitere Belastung dar. Man musste sich wieder aneinander gewöhnen. Das war nicht einfach.

Neben allem erwachte allmählich das öffentliche Leben. Kurz vor Weihnachten hatte die Freie Universität in Dahlem ihren Betrieb aufgenommen. Ernst Reuter bekundete in seiner Eröffnungsrede am 4. Dezember, dass es „der lebendige Ausdruck sein wird des Geistes und des Willens, der in uns allen lebendig ist, als ein arm gewordenes Volk inmitten unserer Trümmer, trotz aller Nöte, ein neues Leben in Freiheit zu beginnen und diese Stadt gemeinsam mit unserer Universität zu einem Hort der Freiheit und des Friedens zu machen“. Endlich – nach Jahren der Knebelung des Geistes – war es soweit. Der Doyen der Geschichtswissenschaft, Friedrich Meinicke, konnte als erster Rektor gewonnen werden. Das war ein richtiges Geschenk zu Weihnachten. Wertvoller als vieles andere, an dem es auch fehlte.

Und am 25. Dezember 1948 ging erstmals das Funk-Kabarett „Der Club der Insulaner“ von Günter Neumann über den RIAS-Sender. Beliebte Schauspieler wie Edith Schollwer, Agnes Windeck oder Walter Gross kolportierten Berliner Alltagsgeschichte. Hans Rosenthal recherchierte dazu Material. „Der Berliner liebt die Ruhe nich, der Berliner liebt keen Getue nich…“. Trotz allem. Weihnachten 1948 hieß es in Berlin: „Uns kann keener!“

Der Autor Volker Wagner ist Publizist und Stadtforscher. Er lebt in Berlin.

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