• „Unschuldige werden zu Schuldigen“ Wie türkische Blätter über die Genozid-Diskussion in Berlin berichten

Berlin : „Unschuldige werden zu Schuldigen“ Wie türkische Blätter über die Genozid-Diskussion in Berlin berichten

Suzan Gülfirat

Am gestrigen Sonntag erschien in der Hürriyet ein Bericht über eine Gedenkveranstaltung im „Türkischen Haus“ an der Urania in Schöneberg. Das Gebäude gehört der Türkischen Botschaft. Diplomaten und Politiker gedachten dort der „auf dem Feld der Ehre Gefallenen“ in der Schlacht an den Dardanellen in den Kriegsjahren 1915/1916. Dieser Tag ist in der Türkei ein bedeutender nationaler Gedenktag. Die türkische Armee hatte es geschafft, den Angriff von Engländern, Australiern, Neuseeländern und Franzosen auf das Osmanische Reich abzuwehren.

Nach dem Bericht der Hürriyet gedachten die türkischen Gäste jedoch nicht nur der türkischen Opfer dieser Schlacht. „Konsul Bleda Kaçar erinnerte in seiner Rede auch daran, dass in den Jahren 1973 bis 1994 34 (türkische) Diplomaten und deren Familienangehörige von armenischen Terroristen umgebracht wurden“, schrieb die Hürriyet. Die ganze Woche über beschäftigten sich die Zeitungen auf ihre Art und Weise mit einem türkischen Tabuthema. Weltweit steht im Raum, dass die Türken genau in jenen Kriegsjahren 1,5 Millionen Armenier ermordet haben. Die Hürriyet beklagte am Donnerstag einen „dreiseitigen Bericht über den angeblichen Völkermord an den Armeniern“ in der Frankfurter Rundschau. Am Freitag bedauerte Hürriyet-Editor Ali Güven, dass die deutschen Medien 2,5 Millionen Türken in Deutschland durch ihre „undifferenzierte“ und „unsensible“ Berichterstattung „zutiefst“ verletzen. Und in der Tat sind die Befindlichkeiten im Moment groß. Ein Antrag der Unionsfraktion, über den im Bundestag noch debattiert wird, sieht vor, am 24. April an den 90. Jahrestag des Beginns der Vertreibung und Ermordung der Armenier zu erinnern. Vor kurzem hatten sich die fünf größten türkischen Dachverbände in Berlin im Streit um die Bewertung des Massakers hinter die türkische Regierung gestellt, die einen Genozid leugnet.

„Unschuldige werden zu Schuldigen erklärt“, kommentierte die Tageszeitung Türkiye dieses Thema. Zaman zitierte vergangenen Montag auf ihrer Titelseite einen Abgeordneten der Republikanischen Volkspartei (CHP) in Istanbul mit den Worten: „In der Armenierfrage sind wir die Ankläger.“ Den Berlinern steht ein Streit bevor, der zeigen wird, wie weit die von der Hürriyet oft beklagte „deutsche Sicht“ von der türkischen entfernt ist.

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