Berlin : Unselige Vorliebe für Vorsilben

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Politiker kennen keinerlei Bedarf mehr, sondern nur noch Bedarfe. Mit dem unsinnigen Plural wollen sie uns offenbar zu verstehen geben, wie vielfältig und umfassend der Bedarf ist. Zur Zeit haben sie es schwer, die Zuwachsbedarfe zu befriedigen, so dass es leider kaum Zuwächse gibt. Politiker konstatieren immerfort Handlungsbedarfe, Klärungsbedarfe, Förderbedarfe, Personalbedarfe, Bildungsbedarfe, Verkehrsbedarfe und so fort. Verkehrspolitiker kümmern sich nicht etwa um den Verkehr, sondern um die Verkehre, zum Beispiel um die Bahn-, Bus-, Flug-, Auto- oder Fußgängerverkehre. Selbstverständlich kommt es jedem Politiker auf die Inhalte an, wie man tagtäglich lesen und hören kann.

Die Grünen-Fraktion hat in einem Antrag betont, in der Schule beziehungsweise in der Berufsschule seien Jugendliche „besonders gut zu erreichen für Inhalte der politischen Bildung“. Der Abgeordnete Klaus Lederer (Linkspartei.PDS) wollte neulich in der Fragestunde des Parlaments wissen: „Wie bewertet der Senat die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Ausgestaltung des Jugendstrafvollzugs im Grundsatz und insbesondere mit Blick auf die daraus folgenden Handlungsbedarfe für den Berliner Jugendstrafvollzug?“

Ach ja, es reicht auch nicht, von der Gestaltung zu reden, nein, es muss die Ausgestaltung sein. Iris Spranger wollte wissen, wie der Senat „eine Ausgestaltung des staatlichen Wettmonopols zu formulieren“ gedenkt, „die den Vorgaben des Gerichts entspricht“, nämlich des Bundesverfassungsgerichts. So viel nur an dieser Stelle zur Vorliebe für überflüssige, geschwollene Vorsilben.

Unbekümmert wird der Plural auch dort gebildet, wo er nichts zu suchen hat. Das Singularetantum ist, wie der Name sagt, ein Substantiv, das nur im Singular steht. Deshalb vertragen Substantive wie Bedarf, Inhalt, Verkehr, Zuwachs, Hunger und Durst, Schutz und Schmutz, Armut und Überfluss, Hitze und Kälte keinen Plural. Zur näheren Bestimmung solcher Begriffe bedarf es der Umschreibungen, die natürlich unbequem sind. Ebenso wird das Pluraletantum nur im Plural benutzt. Wörter wie Leute, Ferien, Eltern oder Geschwister haben keinen Singular. Dennoch hört man gelegentlich grauenhafte Verkürzungen im Singular: das Geschwister (Geschwisterkind) oder gar das Elter (ein Elternteil).

Nun wird im Duden–Band „Richtiges und gutes Deutsch“ auf Ausnahmen hingewiesen, die sich Fachleute in ihrer jeweiligen Fachsprache gestatten. Bekanntlich klingt Fachchinesisch in den Ohren der Laien weder reizvoll noch verständlich. Gutes Deutsch ist es schon gar nicht. Das stört die Bürokraten nicht. Doch warum eifern ihnen Politiker so lange nach, bis jeder Unsinn Mode ist?

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