Berlin : Unser Kreuz mit dem Kreuz

ICH BIN NICHTWÄHLERIN Die Politiker faseln in die Mikrofone – dabei wollen die Wähler nicht beruhigt werden SIND SIE UNENTSCHLOSSEN? Ein Forscher erklärt, warum der Markenkern für Parteien wichtig ist – und wie man ihn erkennt.

Andrea Hanna Hünniger
Andrea Hanna Hünniger, 28, ist Autorin („Das Paradies – meine Jugend nach der Mauer“). Heute ist sie bei Maybrit Illner zu Gast zum Thema.Foto: promo
Andrea Hanna Hünniger, 28, ist Autorin („Das Paradies – meine Jugend nach der Mauer“). Heute ist sie bei Maybrit Illner zu Gast...

Für mich ist Politik schon etwas länger, als dieser Wahlkampf dauert, ein Fall für die Psychiatrie. Die konsequente Verschleierung von Umständen, die anfallsweise chaotische und sinnlose Sprache, die Lügen, das Wegducken und die umstandslos zugegebene Visionslosigkeit lösen bei mir eine heftige Reaktion aus, und die heißt: Abschalten. Dafür bekomme ich oft, in der undankbaren Rolle der Nichtwählerin, strenge Blicke, solche, als hätte ich das Nutellaglas leer gemacht. Politik ist vielleicht aber auch nur ein leeres Nutellaglas. Es verspricht von außen alles und wenn man rein schaut, ist es schlampig ausgekratzt zwar, aber leer. Auch die nächste Generation Politiker, die ich mal „meine Generation“ nennen will, ist wie eine Armee aus Androiden, die bei den Jusos oder der Jungen Union herangezüchtet worden sind.

Es ist, als sei die neue Politikgeneration mit keinem Neustart oder frischem Blick gekommen, als sei diese Generation, von der alle sprechen und wir alles erwarten, eine schlechte Wiederholung all dessen, was uns die Parteien seit den 70ern in die Mikrofone faseln. Es ist die Rekonstruktion der alten Phrasen. Und jeder Politiker ist nun froh, wenn das Publikum nicht so genau zuhört. Das ist für mich die größte Enttäuschung und tatsächlich mit einer gewissen Traurigkeit verbunden.

Das Unglück in der Politik wird dann nicht mehr aushaltbar, wenn es als das erscheint, was es ist: Oberflächlich und gleichzeitig unverständlich. Das Dilemma ist aber, dass sie an ihre Sätze glauben. In ihrem Kosmos ist das alles plausibel. Was heißt „Selbstbestimmung“? Was bedeutet es, wenn Politiker von der Zukunft Europas sprechen, von Gleichstellung, von Sicherheit im Alter? Warum interessiert es mich eigentlich gar nicht mehr? Ist es, weil ich deren Welt aus Gremien und Sitzungen nicht mehr überblicke – und den Institutionen nicht vertraue?

Es gibt keine Fragen, deren Antworten wir nicht schon kennen, keinen Satz, der uns überraschen würde, keine Ziele, die uns noch etwas angehen. Denn über das eigentlich wichtige, also die Zukunft, wird besser nicht gesprochen. Eine unheimliche Ahnung liegt in der Luft: Die Zukunft könnte Probleme mit sich bringen (aber sag es nicht weiter).

Dabei müsste es darum gehen, die richtigen Fragen zu stellen und keine wie aus der Zufallsmaschine generierten Antworten: „Ich mache Politik, weil ich etwas verbessern will.“ Es klingt beruhigend, aber vielleicht möchte in einer europaweiten Wirtschaftskrise keiner mehr beruhigt werden. Es ist, als wäre der Politik die Sprache ausgegangen und alles, was wir hören, hätte gar nichts mehr mit uns zu tun. Die warmen sinnlosen Sätze von Politikern sind Zufluchtsorte. Es ist da immerhin wärmer als in der großen ehrlichen Kälte draußen.

Das einzig Gute an einer Diskussion über Nichtwähler ist, dass wir seit Jahren wieder eine heftige und dringende Diskussion über Politik führen. Um dann nach längerem Reden doch einmal einzusehen: Man kann keinem Vegetarier vier Fleischgerichte vorsetzen und ihn dann bitten, sich wenigstens für das glücklich gestorbene Rind zu entscheiden.

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