Berlin : Unser Mann für alte Meister

Fünf Jahre lang reiste Moritz Wullen durch die Welt und beschwatzte Privatbesitzer nie gesehener Goyas – mit Erfolg. Der Kurator bescherte Berlin mit der Superschau in der Alten Nationalgalerie den Ausstellungshit des Sommers

Lothar Heinke

„Wir sind in Madrid mit einem spanischen Aristokraten verabredet, kommen in eine Gasse mit dreistöckigen Barockhäusern, gehen auf den Hinterhof, naja, es war schon ein bisschen schäbig, aber dann öffnet sich der Blick in ein Treppenhaus, und da blieb mir die Spucke weg, so breit war das, mit Teppichen ausgelegt. Das fing ja schon mal gut an. Dann wirst du von einem Diener hochgeleitet, und dort öffnet sich ein wahres Schlosslabyrinth, mit brokatbespannten Fluchten, Galerien voll alter Meister, Barockmöbeln, einem herrlichen Empfangszimmer, und dazwischen wie ein Ufo der große TV-Plasmabildschirm, weil der Herr hin und wieder auch mal Fußball sehen möchte.“

So war das, als Moritz Wullen durch die Welt zog, um Kunstliebhaber zu überzeugen, sich für ein paar Monate von ihrem Goya zu trennen. Der Referatsleiter Ausstellungen und Projekte in der Generaldirektion der Staatlichen Museen ist Kurator der sensationellen Goya-Bilderschau in der Alten Nationalgalerie. Fünf Jahre haben er und sein Team Francisco de Goyas Werke gewissermaßen reisefertig gemacht, manchmal in zähen Verhandlungen. Der wichtigste Leihgeber ist der Prado; hier hatten die Berliner Anfang der neunziger Jahre ihre Caspar David Friedrichs präsentiert, der Erfolg von damals war in Madrid ebenso unvergessen wie diverse Berliner Leihgaben an die Spanier.

Goya ist dort eine kulturpolitische Größe, eine nationale Identifikationsfigur, und Berlin wurde mittlerweile zu einer europäischen Kultur- und Kunstplattform. „Dass in Berlin der Bär tanzt, gilt nicht nur für die Populärkultur, sondern ist auch in der Museumswelt inzwischen angekommen. Wer ,in’ sein will, muss auch nach Berlin kommen“, sagt Moritz Wullen. Die unkomplizierte Seele der Stadt hat sich auch im Ausland herumgesprochen – zum Beispiel die Fähigkeit zum unterhaltsamen Schlangestehen wie bei der MoMA im vergangenen Jahr und jetzt bei Goyas Bilderwelten.

Der Kurator ist 38 Jahre alt, sitzt in einem nüchternen, holzgetäfelten Zimmer und wirkt wie eine Mischung aus Til Schweiger und Brad Pitt. Außer „Leute kennen lernen, lesen und Klavier spielen“ treibt Moritz Wullen regelmäßig Sport. „Ich brauch’ die körperliche Müdigkeit als Äquivalent zur geistigen Anspannung“, sagt er. Der Kunsthistoriker (Dissertationsthema: „Was ist deutsch?“) interessiert sich brennend für die moderne Bilderwelt, für Kino also, Videoclips, Computerspiele. Motive und Themen der heutigen Bilderschwemme hätten bei Goya bereits ihren bildnerischen Ausdruck gefunden. „Das ist eine Reise zu den historischen Wurzeln unseres modernen Bilderkosmos, die Irrenhausszenen, Horror, Gewalt, Krieg und anderer Wahnsinn.“ Wullens Lieblingsbild: ein vierjähriger Knabe im roten Anzug. Es wirkt zunächst wie ein harmloses Kinderporträt, „fast süßliche Zwiebackreklame“, doch da ist dann allerlei Getier, Katzen, ein Friedhof der Kuscheltiere. Das Böse steckt nicht im Tresor, sondern lauert schon um die Ecke.

Die Goya-Schau mit einem geschätzten Versicherungswert von rund einer halben Milliarde Euro für die 80 der bedeutendsten Gemälde des Meisters gilt als wichtigstes europäisches Ausstellungsereignis dieses Sommers. Bis 3. Oktober ist sie in Berlin, danach müsste man nach Wien fahren, um die Ausstellung zu sehen. Moritz Wullen wünscht sich, dass die Besucher richtig Lust bekommen auf die Kunst des 19. Jahrhunderts. „Berlin boomt bei allem, was modern ist, aber dass wir hier jede Menge alte Meister haben, muss noch stärker zum Kunst-Image Berlins beitragen.“

Und wie war das denn nun mit dem Edelmann im Hinterhof-Schloss und seinem Goya? Haben wir ihn bekommen? Moritz Wullen hatte großen Respekt vor den Kunstwerken und ihren Besitzern, wenn sie denn Anstalten machten, sich von den teuren Gemälden zu trennen, mit denen sie groß geworden sind. Der Grande wollte das Werk überm Kamin gern zeigen, aber nicht ausleihen. Na ja, New York ist nah, das war etwas anderes, aber Berlin? Der letzte Außenposten der Zivilisation...

Doch dann stellte sich heraus, dass die Enkelin des Edelmanns in Berlin studiert und sich hier unglaublich wohl fühlt. „Gut, nehmen Sie das Bild“, hat er gesagt. So kann’s gehen.

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