Berlin : „Unsere Christiane F. heißt heute Lukas“

Ecstacy ist „out“, Heroin eine „Loserdroge“ Die Jugenddrogen sind jetzt Alkohol und Cannabis

Philipp Lichterbeck

Berlins Suchtbeauftragte Christine Köhler-Azara schlägt Alarm. „Meine größten Sorgen sind Alkohol und Cannabis.“ Vorbei sind die Zeiten, in denen die Drogenbeauftragten der Stadt sich vorwiegend mit harten Drogen wie Heroin beschäftigten oder vor Partydrogen wie Ecstacy warnten. „Unsere Christiane F. heißt heute Lukas“, sagt Köhler-Azara, und meint den 16-jährigen Gymnasiasten aus Zehlendorf, der sich im Februar ins Koma getrunken hatte und anschließend starb.

Köhler-Azara bestätigt damit für Berlin, was die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, am vergangenen Donnerstag für ganz Deutschland festgestellt hatte: einen Rückgang der Drogentoten – verbunden mit einer eindringlichen Warnung vor der „Verharmlosung von Alltagsdrogen“. Auch in Berlin ist die Zahl der Drogentoten im Jahr 2006 zurückgegangen. 173 Menschen starben, während es 2005 noch 195 Opfer gegeben hatte.

Für Köhler-Azara hängt der Rückgang bei den Toten auch damit zusammen, dass Heroin unter jungen Leuten heute als „Loserdroge“ gelte. „Es passt nicht mehr zum Zeitgeist.“ Und das, obwohl die Droge so billig ist wie nie. Für 0,1 Gramm Heroin – das reicht für einen Schuss – bezahlt man heute fünf Euro. Rund 8000 Heroin-Abhängige gibt es in Berlin. Die Hälfte nimmt an Methadon-Programmen teil, eine öffentliche Szene gibt es bis auf die kleine Ausnahme am Kottbusser Tor nicht mehr.

Auch bei den Party- und Designerdrogen spricht Köhler-Azara von einer Entspannung: „Bei Ecstacy ist der Höhepunkt vorbei, weil Technomusik out ist.“ Der Konsum der Droge war eng mit dieser Musikszene verwoben. Neue Designerdrogen habe man auf dem Markt nicht festgestellt.

„Am stärksten beschäftigen uns aber Alkohol und Cannabis“, sagt Köhler-Azara. Besonders beunruhigend sei, dass die Konsumenten immer jünger würden. 50 Prozent der Berliner Jugendlichen unter 14 Jahren haben schon einmal Alkohol getrunken. Und die Zahl der Jugendlichen, die mit Alkoholvergiftungen in Krankenhäuser eingeliefert wurden, hat sich seit 2000 mehr als verdoppelt. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Krankenhauskonzerns Vivantes werden heute zwölfjährige Alkoholiker behandelt, wie Klinikchef Oliver Bilke bestätigt. Einige haben bereits mit neun Jahren zu trinken begonnen.

Zwar nimmt die Zahl der Jugendlichen zu, die Alkohol ablehnen, aber eine kleine Gruppe trinkt immer mehr. Für diese sei Trinken zum Hobby geworden, sagt Köhler-Azara. Das tun sie verstärkt auch in der Öffentlichkeit. Die Drogenbeauftragte kritisiert heftig die allgemeine Akzeptanz des öffentlichen Alkoholkonsums, etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Erwachsenen seien heute zu faul und zu feige, feste Regeln aufzustellen, sagt sie. „Aber genau danach sehnen sich die Jugendlichen. Sie wollen Ansagen.“

Es sei außerdem festzustellen, dass sich der Drogenmix, der heute genommen werde, verändert habe. Es gebe keine reinen Trinker oder Kiffer mehr. „Die Jugendlichen setzen die Substanzen ein, um bestimmte Stimmungen zu erreichen. Sie betreiben Gefühlsmanagement.“ Man nimmt Ecstacy, um wach und gesprächig zu sein, trinkt Alkohol, um Hemmungen abzubauen und raucht Cannabis, um wieder zu entschleunigen.

Auch beim Konsum von Cannabis hat sich viel verändert. Jeder vierte Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren hat schon einmal gekifft. Damit ist Berlin Spitze im Bund. Fragt man die 16- bis 17-Jährigen, ob sie in den letzten 30 Tagen Marihuana geraucht haben, dann antwortet fast jeder fünfte mit ja. Bernd Schaletzke, der die Drogenberatung Nord in Reinickendorf leitet, ärgert sich deswegen über die „Verharmlosung von Cannabis“. Der THC-Gehalt der Droge, also ihr Wirkstoff, habe sich in den letzten 25 Jahren mehr als vervierfacht. Tatsächlich sind bei kaum einer anderen Pflanze ähnliche Zuchterfolge erzielt worden. „Cannabis kann bei Jugendlichen heute leicht zu einer psychischen Abhängigkeit führen, aber auch physische Schäden verursachen, weil sich das Gehirn noch entwickelt. Das Sozialverhalten wird gestört und es kommt in schweren Fällen zu Schulabbrüchen“, sagt er. In Schaletzkes Beratungsstelle tauchen bereits 13-jährige Cannabisabhängige auf. Ein Viertel seiner „Kunden“ seien Mädchen, drei Viertel Jungs. „Zum falschen Eindruck vieler Jugendlicher, dass Cannabis legal sei, trägt bei, dass in Berlin der Besitz von 10 bis 15 Gramm Cannabis strafrechtlich nicht verfolgt wird“, glaubt Schaletzke.

Als tiefere Ursache für den gestiegenen Drogenkonsum junger Berliner sehen sowohl er als auch Köhler-Azara Defizite in der seelischen Entwicklung vieler Kinder. „Sie wachsen mit mehr Ängsten auf als früher“, sagt Köhler-Azara. „Die Eltern lassen sie damit alleine. Die Jugendlichen versuchen die Leerstellen in ihrer Psyche mit Drogen zu stopfen.“

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