Berlin : „Unsere Motivation ist dahin“ Ein S-Bahner berichtet über seinen Arbeitsfrust

„Ich arbeite seit 15 Jahren als Triebwagenfahrer bei der Berliner S-Bahn. Mit den meisten Änderungen habe ich mich arrangiert, aber so, wie nun versucht wird, die neuen Schichtsysteme und Tarife umzusetzen, geht es nicht. Ich versuche, das mal zu erklären: Ich weiß zum Beispiel nicht, wann ich morgen oder übermorgen arbeiten soll. Ich kann meinen Tag nicht planen.

Ich habe Bereitschaftsdienste. Die sind an sich nichts Neues. Schon vor der Einführung der neuen Dienstplanung gab es die. Da wusste ich, gut, heute zwischen 5 und 15 Uhr kann ich angerufen werden. Jetzt umfassen die Bereitschaftsschichten ein bis zwei Wochen, von Montag 3.30 Uhr bis Freitag um 23 Uhr beispielsweise. Ich fühle mich wie ein Leibeigener. Mein Privatleben kann ich vergessen, und meine Kinder sagen bald Onkel zu mir. Alleinerziehende Kollegen können so nicht arbeiten. Mein Schlafrhythmus ist total durcheinander. Ich kann nach der Schicht nicht einfach abschalten und einschlafen. Aber das musst du jetzt, wenn du ausgeruht zur Schicht kommen willst. Viele Kollegen sind das aber nicht. Die melden sich krank, weil sie Angst haben, bei der Arbeit einzuschlafen. Das sind keine Blaumacher, wie manche schreiben. Die kommen ihrer Verantwortung nach, sonst nichts.

Katastrophal ist auch, dass die meisten Schichten jetzt am S-Bahnhof Wannsee starten. Ich kenne keinen Fahrer, der da wohnt. Früher konnte man zusätzlich in der Friedrichstraße, beim Ost- oder Südkreuz einsteigen. Das geht jetzt nicht mehr. Ich brauche anderthalb Stunden mit dem Auto, bis ich in Wannsee bin. Dabei wirbt die S-Bahn doch mit ihrer Umweltfreundlichkeit: Lassen Sie Ihr Auto stehen. Ich kann das nicht. Insgesamt ist die Motivation bei den S-Bahn-Fahrern dahin. Da wurde zu viel kaputt gemacht.“

Aufgezeichnet von Sebastian Rothe

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben