Berlin : Unter Adlers Schwingen

Helmut Caspar

Keine Malerei, Architektur und Literatur, weder Schauspiel noch Musik in Berlin ohne die zahllosen Künstler, die seit jeher aus anderen Regionen an die Spree kamen. Unter den Kurfürsten und Königen konnten Einheimische den Hof nur unzureichend bedienen. Schon im 17. Jahrhundert wurden niederländische Künstler nach Brandenburg geholt. Hinzu kamen aus katholischen Staaten emigrierte Hugenotten, Pfälzer und Böhmen. Für sie war die Kurmark eine Entwicklungsregion, unwirtlich, arm, an höheren Dingen wenig interessiert.

Doch langsam mauserte sich die "Streusandbüchse" zu einem kulturellen Zentrum. Architekten wie Schlüter, Eosander, Knobelsdorff und Langhans, Maler und Grafiker wie Pesne und Chodowiecki prägten im 18. Jahrhundert das Gesicht der Stadt, doch erst vor 200 Jahren brachte die Region mit dem in Berlin geborenen Bildhauer Johann Gottfried Schadow und dem aus Neuruppin stammenden, in jungen Jahren aber an die Spree umgezogenen Architekten Karl Friedrich Schinkel eigene Künstlerpersönlichkeiten von herausragender Bedeutung hervor, wie Helmut Börsch-Supan in seinem Buch über Künstlerwanderungen nach Berlin betont. Sparsam illustriert, schlägt es einen Bogen von frühen "Importen" des 17. Jahrhunderts bis fast in die Gegenwart, nennt Hunderte von Namen, führt noch mehr Bauwerke, Gemälde, Skulpturen auf. Das Buch fordert dazu auf, sich intensiv mit Künstlerbiographien zu beschäftigen und holt selber den einen oder anderen Vergessenen ans Tageslicht. Für die Zeit vor 1800 bot sich dem Autor ein von dem Berliner Schriftsteller und Verleger Friedrich Nicolai verfasstes Künstlerlexikon als Quelle an.

Der Residenzstadt fehlte, als sie königlich wurde, alles, was den Anspruch, Spree-Athen zu sein, rechtfertigte. Grandiose Umbau- und Erweiterungspläne für Schloss und Stadt wurden nur zum Teil verwirklicht. Hinzu kam, dass die Hohenzollern ein schwieriges Verhältnis zu den Berlinern (und umgekehrt) hatten, weshalb sie nach Potsdam auswichen. Börsch-Supan bezieht selbstverständlich auch die Nebenresidenz an der Havel ein. Für ihn bildet Schinkel die Mitte. Alles geht auf ihn zu, und von ihm geht alles aus.

Das Buch ist nach Himmelsrichtungen und dort chronologisch gegliedert. Es schildert, wer aus welchen Gründen einwanderte, um unter den Schwingen des schwarzen Adlers in Lohn und Brot zu kommen. Für viele war das ein Abenteuer. Wer sich mit den Monarchen einließ, musste nach deren Pfeife tanzen und konnte gelegentlich auch tief fallen.

Mit dem Begriff Hauptstadtkultur kann Helmut Börsch-Supan nichts anfangen, sofern man darunter die Überlegenheit gegenüber anderen deutschen Kulturzentren versteht. Berlin habe keine Ursache, auf andere Regionen herabzublicken, verdanke es ihnen doch wichtige Impulse. Kultur dürfe nicht als repräsentative Fassade gebraucht, sondern "als Gestaltungskraft für die Entwicklung von Menschen genutzt werden". Dem habe sich Schinkel gewidmet, darin liege seine Aktualität.

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