Berlin : Unter dem Funkturm werden die neuesten Trends präsentiert

Katja Füchsel

Die Profis erkennt man zwischen den Särgen und Urnen an ihrer Unbefangenheit. Sie räuspern sich nicht betreten und kichern nicht verlegen, die Herren von der Bestattungsbranche. "Wie? Für dit Pappteil wollen Sie 499 Mark?", entfährt es einem Unternehmer in Halle 18. Das "Pappteil" gilt in der Branche als neuester Trend, ist in Wirklichkeit ein "ökologischer Faltsarg" und nennt sich "Peace Box". Den Berliner Bestatter vermögen die Vorteile - wiegt nur 12 Kilo, ist vergleichsweise günstig und gewissermaßen schnell biologisch abbaubar - nicht zu überzeugen. Er hole sich seine Särge lieber aus der Schweiz. Aus Sperrholz. Für 227 Mark. "Die sind so!", sagt der Mann und küsst begeistert seine Fingerspitzen.

Bei der "eternity" unter dem Funkturm dreht sich derzeit alles um die Themen Sterben, Tod und Trauer. Allerdings eher indirekt. Weil die Besucher nicht vom Tod betroffen sind, sondern mit ihm ihr Geld verdienen, geht es an den Messeständen unpathetisch zu. Die meisten Kerzen bleiben im fahlen Licht der Ausstellungshalle unangezündet. Die Blumenarrangements auf den Särgen sind aus Plastik. Dazwischen werden Cracker und Selter angeboten. Derweil läuft ein Mann im Zweireiher mit verstecktem Mikro in seinem Stand umher. "Eins, zwei, drei - Test!", ruft er. Akustische Friedhofstechnik, steht auf einem Schild.

Die kreativen Köpfe in den Beerdigungsinstituten haben es in Deutschland nicht leicht. Denn das Bestattungswesen gilt hierzulande als konservativ. Vorschriften gibt es zur Beschaffenheit der Särge, Länge der Grabstellen und Größe der Steine. Doch glaubt man den Geschäftsleuten auf der "eternity" setzt sich derzeit in Sachen Tod und Trauer eine neue Tendenz durch. "Der Trend bei Beerdigungen geht immer mehr zur Individualisierung", sagt Rolf Peter Lange, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Bestattungsunternehmen. "Schritt für Schritt wird der Tod weiter enttabuisiert."

Und auf der vierten "eternity" treffen sich auch die bunten Vögel der Branche, die so genannten alternativen Bestatter. Wie Bestattungen Papke mit der Peace Box eben. Nebenan gibt es Urnen aus Papier und Keramik. Dann Feng Shui. Eisskulpturen. Särge mit handwerklicher Intarsienarbeit. Und bunt bemalte Särge: wahlweise mit Bären, Pfauen oder für geschmacksresistente Naturen die Skyline Berlins im Sonnenuntergang.

Die alte, aus Ägypten stammende Tradition der Totenmasken will Karin Schnitzler Liesegang hierzulande neu beleben. "Eine Gipsmaske ist viel besser für Schmerzbewältigung als etwa ein Foto", sagt sie. Die Ägypter verzierten ihre Totenmasken mit Glasfuß und Halbedelsteinen. In der Antike standen sie auf Schränken im Atrium, mit Lorbeer bekränzt und mit Blumengewinden untereinander verbunden. 1300 Mark kostet es, sich bei Karin Schnitzler Liesegang ein "letztes Gesicht" anfertigen zu lassen. Wirklich eingeschlagen hat die Geschäftsidee indes noch nicht. "In den letzten vier Jahren habe ich fünf Totenmasken hergestellt", sagt die Kostümmalerin.

Für die sich ändernden Sitten steht auch der Sarg von Luigi Colani. Das Designer-Stück in Ahorn oder Mahagoni kostet knapp 7000 Mark. Wer auf echtes Wurzelholz mit schwarz oder cremeweiß polierten Seiten und 24 Karat vergoldeten Griffstangen besteht, muss etwa doppelt soviel wie für das spartanische Basismodell bezahlen.

Und noch eine Neuheit auf der "eternity": der "Ball of Live" des schweizerischen Labels "mass-massenware", eine Chromstahlurne mit Drehverschluss und eingelassenem Tongefäß. Diese Urne ist für die Hinterbliebenen als "Lebensbegleiter, Kult- und Erinnerungsobjekt" entwickelt worden. Für die Berliner Bestatter hat die Chromkugel allerdings einen entscheidenen Schönheitsfehler: Den Verstorbenen so "verpackt" auf der Anrichte oder dem Nachttisch zu platzieren, erlaubt der Friedhofszwang in Deutschland nicht. Die Verordnung scheint allerdings schon lange nicht mehr dem Geschmack der Zeit zu entsprechen: Meinungsforscher haben im Auftrag des "Forum Grabpflege" ermittelt, dass in Deutschland 21 Prozent der Befragten die Asche ihres Angehörigen am liebsten "auf dem eigenen Grundstück oder in der Natur verstreuen" würden.

Schon seit einiger Zeit muss sich die Branche, der auch die rückläufige Sterberate zu schaffen macht, für neue Ideen erwärmen. Und so führen inzwischen fast alle neben den früher obligatorischen Trauermärschen auch "My Way" oder "Candle in the Wind" im Angebot. Die Bestatter haben sich an Grablegungungen als Techno-Partys und Todesanzeigen im Internet gewöhnt. Denn es sind nicht die Wünsche der Kunden, die ihnen zu schaffen machen. Es sind die schwarzen Schafe der Branche. "Noch vor sechs Jahren gab es in Deutschland knapp 200 Beerdigungsinstitute, die mit sittenwidrigen Verträgen gegründet worden waren", sagt ein Vertreter beim Berufsverband "Bund freier Bestatter". Dann spricht er über die Schurken, über Organentnahmen, Diebstahl und andere Tricks. Man glaubt es dem Bestatter unbesehen, er hat schon fast alles gesehen. "Wissen Sie, wenn man täglich mit Tod und Trauer zu tun hat..."Die Ausstellung "eternity" für Bestattungsbedarf und -technik findet noch heute von 10 bis 18 Uhr auf dem Messegelände in den Hallen 18 und 19 statt. Der Eintritt kostet 58 Mark.

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