Berlin : Unter dem Wolfspelz

Ehrenbürger Biermann? Er ist doch nur noch ein Schatten seiner selbst

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Von Diether Dehm Gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann habe ich Ende 1976 gemeinsam mit Günter Wallraff und Professor Wolfgang Abendroth die im Westen bekannte Protestresolution formuliert. DDR-Besuche und die meisten meiner DKP-Freundschaften brach ich ab und kam in die Einreisefahndung des Ministeriums für Staatssicherheit, weil „unbelehrbar“ pro Biermann und pro Rudolf Bahro.

Der antifaschistische Aufbruch der frühen DDR, der so viele Kulturschaffende wie Brecht nach Osten gezogen hatte und auf viele westdeutsche Intellektuelle eine große Ausstrahlung besaß, war dann doch nicht zum europäisch-sozialistischen Ausbruch aus einem System der Allmacht der Deutschen Bank geworden, das laut CDU und SPD Hitlers Aufstieg hervorgebracht und an Weltkrieg wie an Auschwitz profitiert hatte. Die DDR wurde in vier Jahrzehnten immer weniger zur Kultur eines anderen, demokratisierten Wirtschaftens. Mielke und Mittag standen nur noch für den Status quo, für ein nachbarlich-gemeinsinniges Zeltlager mit schikanösen Linienwächtern und deren Spargelabsprache: Wo ein Kopf sich zeigt, wird er gestochen.

Biermann war ein Kopf. Er hatte von den unterdrückten Widersprüchen der DDR, vom zerfallenden Nukleus nach 1945 eine Ahnung. Er schrieb kühne Balladen darüber, Meisterwerke wie sein Kölner Konzert vor dreißig Jahren, vor dem er wusste, dass es zur Ausbürgerung führen würde.

Mit dem Wegfall der DDR verfiel auch Biermanns künstlerischer Motivkern: nekrophile Stasijagd wurde sein einzig theatralisches Geschäft. Neueres Traurigsein über umweltfressende Konzernprofite, Klimawandel und CO2, Finanzspekulation als Ursache von Menschen- und Staatsverarmung, Bombenüberfälle auf Staaten des Ölreichtums fanden in seiner Kunst kein wirkliches Gehör. Der Sänger, der im „Fredi Rohsmeisl aus Buckow“, der LPG-Bäuerin in der „Süßkirschenzeit“ und dem Bauarbeiter im „sozialistischen Gang“ sogenannte kleine Leute von Staatsbürokraten bis ins Mark gedemütigt gemalt hatte, schrieb fortan überwiegend Lieder für die Spiegel-Chefredaktion, die „Welt“ und die dahinter stehenden neoliberalen Herrschenden. Der Sohn grandioser kommunistischer Widerstandskämpfer gegen Hitler und seine Finanziers, der bei Hanns Eisler und am Berliner Ensemble lernen durfte, fuhr nach Wildbad Kreuth, um die CSU im „Spiegel“ anzuhimmeln.

Einst sang Biermann den Pazifismus gegen Ost und West. Jetzt frohlockte er ob der Bombardements auf Bagdad, Belgrad und Kabul und forderte, noch schneller und noch mehr Bombardierung. Sein Publikum schrumpfte, sein Talent wurde überhörbar, sein Handwerk bloß noch klappernd.

Sind nun die, die ihn ausbürgerten, ex post bestätigt? Nein: Die Entziehung bürgerlicher Rechte bleibt Willkür; Ausbürgerung statt Streitkultur Anfang vom Ende einer ausstrahlungsfähigen DDR.

Es gibt viele Gründe, Biermann zu ehren. Das parteipeinliche Geschacher überschlauer Grüner, der Wahlverlierer-CDU, die nach einem Pyrrhustriumph geilt, und unbeholfener Linker hat mit der Würde einer Ehrenbürgerschaft nichts zu tun. Und: Wer diesen Wolf würdigt, muss wissen, wie gern und wohlinszeniert er in Hände beißt, die ihm Gutes antragen. Marcel Reich-Ranicki, der in der alten Bundesrepublik für die meisten Preisverleihungen an Biermann verantwortlich war, wurde zum Dank vom Preisempfänger als Spitzel des polnischen Geheimdienstes denunziert. Ein „Vieh“ nannte der ihn fortan.

Natürlich ist auch diesmal damit zu rechnen, dass Biermann sich theatralisch in die Pose wirft, diese Ehrenbürgerschaft aufgedrängt bekommen zu haben. Warum haben weder Linke noch SPD, weder Oppositionsparteien noch Medien die Kraft, Biermann zu bitten, offen und öffentlich zu sagen, dass er diesen Preis annimmt und will? Wie tief könnte seine Glaubwürdigkeit doch beschädigt werden, wenn er sich von der SED-Nachfolgepartei und einem mit ihren Stimmen gewählten Regierenden Bürgermeister eine Würde überreichen ließe, die er für völlig unvereinbar mit dieser Linken in Berlin stets gepriesen hatte. Zumal Klaus Wowereit auch zu jener Schröder-Partei zählt, der Biermann „taktischen Rattenfängerpazifismus“ vorgeworfen hatte.

Wer den frühen Biermann ehren will, hat freilich andere Möglichkeiten: Er möge Toleranz üben – im Hier und Heute. Besonders mit jenen Talenten, denen der eisige Wind der jeweils herrschenden Medien und Mächte ins Gesicht bläst – damals vom „Neuen Deutschland“, heute vom staatssichernden „Spiegel“. Die Angepassteren hatten ja stets allein ihre Wärme von oben.

Der Autor ist Abgeordneter der Linksfraktion im Bundestag und war von März 1977 bis Mitte 1988 Manager Wolf Biermanns.

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