Berlin : Unter den Alliierten waren die Flugpläne fast Gesetz

Hans von Przychowski

Es gehöre "zum Wesen von Charterflügen", dass Flugzeiten kurzfristig geändert werden, um "vorhandene Kapazitäten besser auszulasten", urteilte kürzlich das Amtsgericht in Bad Homburg und wies die Klage eines Flugtouristen ab, dessen Rückflug kurzfristig von 14 Uhr 35 auf 6 Uhr 10 vorverlegt worden war. Dies Urteil zeigt den Wandel in der Flugtouristik, und es erinnert daran, dass die West-Berliner einst deutlich bevorzugt waren. Was nämlich in Westdeutschland schon immer üblich war, wie Änderungen der Flugzeiten, ein Wechsel der Fluggesellschaften oder der Flugzeugtypen, unplanmäßige Zwischenlandungen oder vorher nicht angekündigte Kombinationsflüge, das gab es in West-Berlin nicht. Unter der westalliierten Flughoheit mussten bis 1990 die Flugpläne von den Alliierten genehmigt werden und waren verbindlich.

Mittelständische Unternehmen hatten im West-Berlin Ende der fünfziger Jahre eine vorbildliche Flugtouristik aufgebaut. Ihre Erfolge erweckten alsbald die Begehrlichkeit westdeutscher Konzerne, die auf den Berliner Markt drängten, die Vormachtstellung der Berliner Veranstalter aber über zwei Jahrzehnte nicht zu erschüttern vermochten. Erst nachdem die westdeutschen Konzerne die Berliner Pauschalpreise subventioniert und damit unterboten und sich zudem in Berliner Firmen eingekauft hatten, und erst nachdem die DDR-Fluggesellschaft Interflug mit massiven Preisunterbietungen Teile der Flugtouristik nach Schönefeld umgeleitet hatten, mussten die West-Berliner Unternehmen die Segel streichen. Von den größeren Veranstaltern ist heute nur noch der Berliner Flug Ring übrig geblieben, aber auch er gehört längst der Fluggesellschaft Germania.

Rolf Teichmann, ein Flugtouristiker der ersten Stunde und einst Geschäftsführer der Flug-Union Berlin, hat in einem zweibändigen Buch unter dem Titel "Urlaubsflüge ab Berlin" die Geschichte der Berliner Flugtouristik aufgezeichnet. Vor die Information hat der Autor allerdings den Fleiß gesetzt, denn der interessierte Leser muss sich durch hunderte von Seiten mit der außergewöhnlich persönlich gehaltenen Schilderung in Tagebuchform hindurcharbeiten, angefüllt auch mit sehr privaten Begegnungen und Gesprächen. Zu den Schwerpunkten des ersten Bandes zählen der Aufbau der Flugtouristik, der Einkauf der alliierten Fluggesellschaften, das Engagement in den Feriengebieten, die Auseinandersetzungen über die Ostblock-Flüge, die wachsende Konkurrenz mit den westdeutschen Unternehmen ebenso wie das folgenschwere Zwischenspiel des Freddy Laker, der den Markt aufmischen wollte und scheiterte, und der plötzliche Zusammenbruch der Flug-Union. Der zweite Band enthält eine genaue Übersicht über alle damals in West-Berlin tätigen Veranstalter, ihrer Fluggesellschaften und ihrer Angebote. Sein Ziel sei es gewesen, so schrieb Rolf Teichmann im Vorwort, dass die Geschichte der Berliner Flugtouristik nicht vergessen werde. Mit seinem "schwerwiegenden" Buch wird dieser Wunsch sicher in Erfüllung gehen.

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