Berlin : Unter den Wolken

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Von Sebastian Glubrecht

Der junge Luftikus liegt in Friedrichshain auf seiner Decke und schaut der Sonne zu, wie sie langsam hinter den Häusern im Westen untergeht. Die wenigen Wolken schwimmen vor einem orangefarbenen Himmel um den Fernsehturm am Alex. Hinter dem jungen Berliner gurrt eine Taube auf dem Schornstein. Die Sonne hat die Dachpappe unter seinen nackten Fußsohlen angenehm erwärmt. Hier oben gibt es weder Hunde noch Häufchen.

Vor allem in den Bezirken Friedrichshain und Prenzlauer Berg haben Berliner die soliden und breiten Flachdächer als noch ungestörten Erholungsraum entdeckt. Der Straßenlärm dringt nur gedämpft die vier- und mehrstöckigen Häuser hinauf, und nichts versperrt den Blick über die Großstadt.

Bis vor kurzem genoß auch „Lolle“, die Heldin der ARD-Serie „Berlin Berlin“, auf einer großen Dachterrasse dieses besondere Panorama. „Dort kann man ganz bestimmte emotionale Momente der Stadt einfangen und ein Gefühl von Berlin vermitteln“, sagt Regina Weber, die betreuende Redakteurin der Serie. Bei den Dreharbeiten hatte sie das Gefühl, „über den Dingen zu stehen“. Für jemanden mit Höhenangst sei ein Aufenthalt auf dem Dach allerdings nichts.

Andreas wohnt in einer Wohngemeinschaft zwischen Warschauer Straße und Karl-Marx-Allee. Er gehört zu den jungen Berlinern, die (sich) aufs Dach setzen. Der Speckgürtel ist ihm zu weit entfernt, die Seen kann er schlecht ohne Auto erreichen, und in den Parks treten sich Hunde und Menschen auf Füße und Pfoten. Wenn Andreas Sonne und Ruhe sucht, verlässt er nicht das Haus, sondern seine Wohnung und bewegt sich 52 Stufen aufwärts. „Die Tür zum Dachboden ist manchmal verschlossen, aber der Kellerschlüssel passt“, sagt er. Eine rostige Leiter führt hinauf zur Dachluke. Sie ist nicht auf dem Boden festgeschraubt und wackelt, wenn Andreas seinen Fuß darauf setzt. An der Luke hängt ein kleines Schloss. Dessen Bügel steckt noch unversehrt im stabilen Korpus, doch die Scharniere an dem Bügel, die Dach mit Luke verbinden sollten, hängen haltlos herausgeschraubt herunter. „Das ist offen, seit ich hier wohne“, sagt Andreas.

Viele Hauseigentümer versperren die Zugänge zum Dach, um sich gegen mögliche Ansprüche bei Unfällen abzusichern. Auch die Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain (WBF) hat in etwa neunzig Prozent ihrer 23 000 Wohnungen den Zugang zum Dach versperrt. Oft bedeutet „versperrt“ allerdings nur ein kleines Vorhängeschloss, das an sehr kleinen Schrauben hängt oder ein warnendes Schild vor der Leiter zur Dachluke. Juristisch gesehen genügen diese Hindernisse, um eine Haftung des Hausbesitzers auszuschließen, falls dem Dachfreund bei seinem Ausflug etwas zustößt. Die Polizei wird nicht grundlos friedliche Berliner vom Dach holen, da hier das Hausrecht des Eigentümers gilt und ein Aufenthalt dort nicht per Gesetzestext verboten ist. „Wenn aber eine Feier auf dem Dach andere Anwohner stört oder Betrunkene vom Dach zu fallen drohen, können Polizisten nach eigenem Ermessen Gefahren abwehrend tätig werden“, sagt Polizeisprecher Matthias Prange.

Wie die WBF hält auch die Wohnungsbaugesellschaft im Prenzlauer Berg (WIP) die Dachluken ihrer 17 000 Wohnungen verschlossen. „Die Dächer sollen nicht beschädigt werden, und außerdem ist es dort oben gefährlich“, sagt ihr Sprecher Volker Hartig.

Andreas hat keine Angst: „Ich habe mich einmal bewusst an den Rand gestellt und die Augen zugemacht. Das fühlt sich nicht anders an, als auf der Straße zu stehen“, sagt er.

Die Berliner Band „Seeed“ drehte vor einem Jahr Teile des Musikvideos zu ihrem Hit „Dickes“ zwischen den Dachluken und Schornsteinen über der Hauptstadt. „Es ist einer der interessanten Orte Berlins“, sagt Frank Dell‚ einer der Sänger von Seeed, „du siehst die Stadt halt aus einem anderen Blickwinkel.“ Beim Dreh des Videos war er zum ersten Mal auf einem Berliner Dach. „Ich fand es sehr spannend, es ist einer der Orte, wo du einfach so nicht hinkommst“, sagt er. Laut Dell spiele sich das Leben in Berlin aber immer noch auf den Straßen ab.

Andreas ist das recht. „Sein“ Dach bietet ihm eine Intimsphäre. „Manchmal sind auch Leute, die hier im Haus wohnen, schon oben, dann kann man dort gemeinsam entspannen“, sagt er. „Manchmal sitzen wir hier mit vielen Leuten, trinken etwas, erzählen und genießen einfach die Sommernacht“, sagt er. Je später der Abend wird, umso schöner ist der Ausblick, denn dem Sonnenuntergang folgt das beleuchtete Berlin.

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