Berlin : Unter Fremden

Ortstermin vor dem Unterricht: Was die Schüler zum Hilferuf ihrer Lehrer sagen

Constanze von Bullion

Die Rütli-Hauptschule in Neukölln ist kein Ort, der aussieht, als müsste man sich hier fürchten. Das Gebäude, in dem eine Haupt- und eine Realschule untergebracht sind, ist fast 100 Jahre alt, aber renoviert. Drinnen haben Schüler die Flure voll gepinselt, nicht mit Graffiti, sondern mit kreativen Wandmalereien. Am Donnerstagmorgen aber ist die Stimmung hier eher finster. Presseleute drängen ins Schultor, in der Turnhalle stehen Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky und Schulstadtrat Wolfgang Schimmang (beide SPD) mit ernster Miene und reden mit Schülerinnen, von denen die meisten Kopftuch tragen. Daneben tritt eine kleine, grauhaarige Frau unruhig von einem Fuß auf den anderen.

Petra Eggebrecht ist kommissarische Schulleiterin hier. Sie hat den Brandbrief an die Bildungsverwaltung geschrieben, in dem es um unerträgliche Zustände im Haus ging und um die Ratlosigkeit der Lehrer angesichts von Gewalt, Respektlosigkeit und Vandalismus. In der Schule, in der mehr als 80 Prozent der Schüler aus Migrantenfamilien stammen, sei die Atmosphäre so aufgeladen, dass manche Pädagogen nur noch mit dem Handy in den Unterricht gingen, um im Notfall Hilfe rufen zu können (siehe Dokumentation des Briefes auf Seite 10).

Der Tagesspiegel berichtete über den Hilferuf, nun ist hier der Teufel los. Schulsenator Klaus Böger (SPD) habe ihr Redeverbot erteilt, sagt die kommissarische Direktorin und sieht bekümmert aus. Eigentlich wollte sie heute ihre Schule vorführen, jetzt zieht sie sich eilig hinter die Kulissen zurück. Eines allerdings möchte sie noch klarstellen: Das mit der Auflösung der Hauptschule sei ein Missverständnis. „Wir brauchen Hilfe, und die bekommen wir jetzt.“

Ist alles halb so wild an der Rütli-Hauptschule? Draußen vor dem Schultor drängeln sich die Schüler um die Kamerateams. Schlägereien, Drohungen, kaputtes Mobiliar? Viele schütteln den Kopf, so aufregend sei ihre Schule doch gar nicht. „Ich finde es ganz normal hier“, sagt Özlem, die in die 10. Klasse geht. „Manchmal gibt es Streit, und dann hauen sie sich.“ Gestern war „Mädchenkampf“, erzählt Mamel, da haben Schülerinnen sich „angepöbelt“ und mussten auseinander gezogen werden.

Die Schülerinnen erzählen noch, da schreien ein paar Jungs dazwischen, versuchen die Mädchen wegzuzerren, um endlich selbst das Wort zu führen. Eine Schülerin redet routiniert über das Getümmel hinweg. „Ich finde, dass die meisten Schüler keinen Respekt vor Lehrern haben“, sagt sie. „Wenn es heißt: ,Nicht essen im Unterricht‘, antworten die einfach: ,Verpiss dich‘.“ Klar ist der Ton manchmal etwas ruppig, sagt Ali, der 18 ist und in der 9. Klasse. „Die sagen zur Lehrerin schon mal Hurentochter.“ Und wie reagiert sie dann? Gar nicht, sagt er. „Die kann doch nichts machen. Die hat doch Angst, dass sie Schläge kriegt.“

Es wird natürlich nach Kräften aufgetrumpft vor den Journalisten. Einigen Schülern aber ist anzumerken, dass sie sich wünschen, ihre Lehrerin würde nicht heulend zurück in die Klasse kommen, wenn es auf dem Gang mal wieder Krach gegeben hat, sondern endlich Ernst machen mit den Drohungen. „Die interessieren sich doch gar nicht für uns, denen ist einfach alles egal“, sagt Mahmud.

Tatsächlich erzählt der Brief der kommissarischen Schulleiterin noch eine andere, vielleicht unbeabsichtigte Geschichte. Sie handelt von einem Lehrerkollegium, das quasi kapituliert hat vor der Wirklichkeit in diesem Bezirk. Es ist ja keine Überraschung, dass in Neukölln viele Türken und Araber leben und das Viertel nicht mit großer Bildung gesegnet ist. Dass die Schule es jahrzehntelang versäumt hat, auch nur einen einzigen Mitarbeiter mit nicht-deutschem Hintergrund einzustellen, mag daran liegen, dass sich viel zu lange keiner mit dem Thema befasst hat und kaum Perspektiven entwickelt wurden. Manche Lehrer melden sich öfter krank als ihre Schüler, jahrelang fand sich kein neuer Schulleiter, eine ehemalige Lehrerin fürchtete sogar, hier „Terroristen“ großzuziehen.

Schon möglich, dass sich die Lehrer – bei allen berechtigten Sorgen – ein wenig verschanzt haben hinter einer Mauer aus Angst vor der fremden, der muslimischen Lebenswelt um sie herum.

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