Berlin : Unter Insulanern

Die Stadt hungerte, in jeder Hinsicht. Nicht nur der Magen knurrte, auch der Geist lechzte nach Nahrung – ein Mangel, der unter den Bedingungen der Luftbrücke nur schwer zu beheben war, aber es ging. Rundfunk und Zeitungen halfen dabei, Kinos, Theater – und hier besonders das fürs Selbstbewusstsein der Insulaner so wichtige Kabarett. Doch auch nach ihrem Ende nahm die Luftbrücke Einfluss auf das Kulturleben, als ein noch immer spannender Stoff für die Bühne oder die Leinwand

Andreas Conrad

„Auf dem Tempelhofer Feld wimmelt es von glitzernden Transportern – ,Luftbrücke‘.“ Nur beiläufig taucht die Berliner Blockade im „Tagebuch 1946–1949“ von Max Frisch auf, der dort seinen Abflug nach New York über Frankfurt beschreibt, sich mit der Zeitangabe „Mai 1948“ aber vertan hat: Damals gab es noch keine Luftbrücke. So ist es vielleicht ganz gut, dass Frisch, wenngleich er die Luftbrücke aus eigener Anschauung kannte, nie ein Drama darüber verfasst hat, anders als über die „Russenzeit“, die ersten Berliner Nachkriegsmonate – Stoff für sein frühes, hier nie gespieltes Stück „Als der Krieg zu Ende war“.

Auch Bertolt Brecht hat zwar den Atlantikflieger Charles Lindbergh auf die Bühne gebracht, die Piloten der Luftbrücke aber nicht, ohnehin empfand er die Rosinenbomber offenbar als Lärmbelästigung. „Über den völlig verstummten ruinenstraßen dröhnen in der nacht die lastaeroplane der luftbrücke“, notierte der im Adlon wohnende Dramatiker ins Arbeitsjournal, kurz nach seiner Rückkehr nach Ost-Berlin am 22. Oktober 1948.

Verweigerten also die Dichter die Lobpreisung der Flieger auf der Theaterbühne, musste eben ein Mann vom Fach ran, und der fand sich in Generalmajor John W. Brooks, Kommandeur des 86th Airlift Wing in Ramstein, später im Stab des Pentagon. Sonst eher mit dem Steuerknüppel schwerer Transportmaschinen vertraut, schrieb der verdiente Militär rechtzeitig zum 50-jährigen Jubiläum der Luftbrücke das Musical „A Triumph of Spirit“. Zunächst bekamen das Stück nur wenige Auserwählte der US-Luftstreitkräfte zu sehen, am 17. Oktober 1998 aber ging es anlässlich eines Verbandstreffens der Deutsch-Amerikanischen Clubs in Berlin im ICC über die Bühne, dargeboten von 40 Musikern des Stabsmusikkorps der US-Luftstreitkräfte sowie rund 70 Laienschauspielern der Kaiserslautern Military Community. Und der Autor trat gleich selbst als sein eigener, großväterlicher Hauptdarsteller auf, der seiner Enkelin erklärt, wie das damals war mit dem „Berlin Airlift“. Natürlich ging es dabei sehr emotional zu, besonders zum Schluss, als ein Berliner Mädel – der dichtende General hatte ihr den Namen Heidi gegeben – einem Piloten zum Abschied seinen Teddy schenkt.

Trotz aller Rührung – ein weites Feld können Theaterhistoriker, die sich das Thema „Luftbrücke auf der Bühne“ vornehmen, nicht beackern. Filmkundler haben da schon mehr zu tun, und sie können gleich nach dem Ende der Blockade beginnen. Die Motoren der Rosinenbomber waren kaum abgekühlt, da wurden sie schon wieder gestartet, mit den Besatzungen der Air Force, diesmal im Auftrag von Hollywood. „The Big Lift“ hieß der von Regisseur George Seaton an Originalschauplätzen gedrehte Film, mit Montgomery Clift als Star, dessen Figur Danny MacCullough der Einsatz in Berlin aber kein Glück bringt: Das „Fraulein“, in das er sich verguckt, will nur möglichst schnell nach Amerika, wo schon ihr wahrer Geliebter, ein Deutscher mit fragwürdiger Vergangenheit, wartet. Erst in der gekürzter deutschen Fassung („Es begann mit einem Kuss“) liegen sich Danny und sein Mädchen zuletzt in den Armen. Beworben wurde das Rührstück denn auch als bloßer Unterhaltungsstoff: „Ein aktueller Film ohne Politik“.

Auch die Regisseure der beiden anderen Verfilmungen der Luftbrücke wollten auf Liebeleien zwischen feschen Air-Force-Männern und ansehnlichen Berlinerinnen nicht verzichten. 1987 drehte Eberhard Itzenplitz für das ZDF „Rosinenbomber“, nach einem Drehbuch von Will Tremper, mit Joseph Vilsmaier hinter der Kamera und Horst Pinnow, Ralf Zacher, Carl Raddatz und Barbara Schöne als Stars. 2007 entstand unter der Regie von Dror Zahavi auf dem Flughafen Tempelhof der Sat-1-Zweiteiler „Die Luftbrücke“, mit Ulrich Tukur, Heino Ferch, Bettina Zimmermann und Ulrich Noethen.

Schließlich verdankt auch Thomas Braschs Film „Engel aus Eisen“ von 1981 der Luftbrücke Titel und historischen Hintergrund. Mit Hilmar Thate, Katharina Thalbach, Ulrich Wesselmann und Karin Baal als Hauptdarstellern erzählte der Dramatiker die Geschichte der Gladow-Bande, deren Aufstieg und Fall eng mit dem Flug der „Eisernen Engel“ verbunden war. Nur im Ausnahmezustand der Blockade vermochte sie zu bestehen. Als die Flugzeugmotoren schwiegen, war auch ihre Zeit zu Ende.

Wurde die Luftbrücke zum Stoff für Theater und Film erst nachträglich, so musste das Kabarett aktuell darauf reagieren. Mehr noch: Ohne Blockade und „Berlin Airlift“ hätte eine Truppe wie die „Insulaner“ nie den sensationellen Erfolg gehabt, in dem sie sich in den eisigsten Jahren des Kalten Krieges sonnen konnte, ja wäre vielleicht nie ins Berliner Kabarettleben getreten. Schon ihr Name beschreibt das Lebensgefühl in der eingekesselten Halbstadt, und auch der Refrain des erstmals am 25. Dezember 1948 vom Rias ausgestrahlten, bald populären Titelsongs nimmt direkten Bezug auf die Luftbrücke:

„Der Insulaner verliert die Ruhe nich,

Der Insulaner liebt keen Jetue nich!

Und brumm’ des Nachts auch die viermotor’jen Schwärme,

det ist Musik für unser Ohr, wer red’t da vom Lärme?“

Zunächst suchte „Der Insulaner“ noch als satirische Zeitschrift sein Publikum, mit einem Partner herausgegeben von dem Kabarettisten Günter Neumann, der vor dem Krieg im „Kabarett der Komiker“ und der „Katakombe“ erfolgreich war, danach dann im „Cabaret Ulenspiegel“. Dadurch hatte er bereits Kontakt zum Rias mit Aufnahmeleiter Hans Rosenthal, der später als Quizmaster berühmt wurde.

Zunächst waren nur zwei Folgesendungen geplant, doch hatte Neumann mit seinen Texten den Zeitnerv so präzise getroffen, dass es bis 1968 rund 150 wurden. Bald bildete sich eine feste Struktur mit festem Figurenstamm aus, vorneweg das meist von Edith Schollwer vorgetragene Insulaner-Lied, mit Bruno Fritz als Herr Kummer, der mit einem imaginären Pollowetzer telefoniert, mit Tatjana Sais und Agnes Windeck als „Klatschdamen vom Kurfürstendamm“ und Walter Gross als „Funzionär“. Zum Finale gab es vom Ensemble stets „Seh’n Se, das ist Berlin!“.

Die Stoßrichtung der oft den Berliner Alltag aufgreifenden Texte zielte klar gegen den Osten, dies wurde Neumann später vorgeworfen. Des Problems, nicht gleichmäßig nach allen Seiten auszuteilen, war er sich bewusst, eine Alternative sah er angesichts der Blockade nicht, wie er 1952 schrieb: „Als eine Besatzungsmacht den Versuch machte, diese Stadt durch Aushungerung gefügig zu machen, wäre ein Spaß über die Unzulänglichkeit der Luftbrücke und die daran geknüpfte Vermutung, dass wir diesen Liebesdienst sicher bezahlen müssen, bei uns eine große Taktlosigkeit gewesen.“

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