Berlin : Unter Irokesen

Punk als Synonym für Jugendrevolte – das galt auch im Osten. Jetzt würdigt ein Buch die in den 80er Jahren entstandene Subkultur.

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November 1983. Autobahn Dresden-Berlin. Ich bereiste in tiefer Nacht mit einem Kasseler Freund die sozialistische Fernstraße. Ein infamer Schneesturm zwang uns zu abenteuerlichen Geländeübungen, orientierungslos rutschten wir durch die verschneite Stille. Wir waren unterwegs von Weimar nach Ostberlin.

In Weimar hatte in gut informierten Kreisen die Botschaft von einem ganz besonderen Konzert die Runde gemacht. Irgendwas ganz Neues. Punk, Avantgardismus, Kunst?

Der Defa-geschulte Indianer Tecumseh nahm nie den direkten Weg, wenn’s drauf ankam. So fuhren auch wir vorsichtshalber über Dresden nach Ostberlin. Zumal mein Wessi nur eine Aufenthaltsgenehmigung für Weimar hatte.

In tiefer Nacht erreichten wir Berlin und kampierten bei Putzi in der Friedrichshainer Ebertystraße, unweit des alten Schlachthofes. Ostberlin duftete nachhaltig nach totem Tier, verbrannter Braunkohle und Zweitakterkraftstoff. Die Straßen waren leer, die Altbauten verfielen romantisch. Wenn man in punkigem und schwarzem Dienstanzug eine der damals zahlreichen Berliner Eckkneipen besuchte, bekam man normalerweise eins auf die Fresse.

Das gehörte sich für die dort residierenden Biermonster so. Das war einer der Gründe, warum sich viel in privaten Wohnungen oder Kirchenruinen abspielte.

Natürlich war der Himmel immer angenehm grau. Aber das bekam man bei Putzi nicht mit, da seine Fensterscheiben geschmackvoll schwarz angemalt waren. Putzi hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seine öffentliche Karriere als Punkmusiker eingestellt. Er wollte auch nie wieder eine Party der Szene besuchen.

Er war alt, schon über zwanzig. So ging ich mit meinem Wessi, dem frisch abgelegten Geliebten einer Dichtergattin und ohne Putzi zum Knastertest im Prenzlauer Berg. Die Malerin Uta Hünniger hatte geladen. Sie lebte in einer geräumigen Altbauwohnung in der Pappelallee, die ihr auch als Atelier diente. Oder war’s umgekehrt? Das Haus steht jedenfalls heute nicht mehr. In der Wohnung hielten sich knapp einhundert meist schwarz gekleidete Gestalten auf. Junge Dichter, Künstler, Musiker, schicke Kerle und heiße Bräute. Ständig kamen neue Gäste und führten Alkohol in großen Mengen bei sich. Die Welt gehörte uns. Irgendwo las ein lederbejackter Reimeschmied eklektische Suren. Wunderschöne Frauen senkten nachdenklich ihre Schwanenhälse, merkwürdiges Rauchwerk wurde gereicht, schwerer bulgarischer Rotwein floss in Strömen. Ich verliebte mich sofort in die charmante Hausherrin und wich ihr nicht von der Pelle. Nach einer Weile erklang ein unbekannter Sound aus dem hintersten Zimmer. Er zog mich zauberisch an. In der Mitte des Raumes standen zwei junge Männer. Starre Gesichter. Der eine hatte eine Standtrommel mit kleinem Becken vor sich, der andere diverses elektronisches Musikgerät, Federbälle, Mikros, Mundharmonika.

Es sollte der erste öffentliche Auftritt der Ostberliner Formation Ornament & Verbrechen werden, wie ich Jahre später erfuhr. Die Band bestand anfangs aus den Brüdern Ronald und Robert Lippok. Noch jung an Jahren, hatten sie eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz und erinnerten mich in Kleidung und Darbietung an die Westberliner Band DAF. Das mag Zufall gewesen sein. Doch das Beste an ihnen war ihre Musik. Atemberaubend, nie gehört, magisch. Elektronisch verfremdete, sehr rhythmische Töne, monotoner, strenger Gesang, eine Offenbarung. Das Publikum stand stumm um die Band, keiner tanzte, alle schienen im Banne ihrer Musik und hielten Maulaffen feil.

Das Fest nahm angeblich einen ausgezeichneten Verlauf. Ich konnte leider nur bedingt daran teilhaben, denn der abgelegte Geliebte der Dichtergattin drohte mit Selbstmord. Ich musste meiner Christenpflicht nachkommen und ihn nach Hause bringen, ja Aufsichtsdienst leisten. Bei Putzi starrte ich nachts noch ein paar Stunden auf die schwarz angemalten Wände. Ich habe mich lange Jahre über meinen verfrühten Abgang geärgert.

Drei Tage später, wieder in Weimar, besorgte ich mir eine Flachtrommel und überzeugte meinen Freund Frank Schuster, mit mir eine avantgardistische Band zu gründen. Als Erstes wollten wir Heine vertonen, geringstenfalls Nietzsche. Unser musikalisches Unterfangen war leider nicht von Erfolg gekrönt. Es steht nicht einmal in unseren Stasiakten.

„Leck mich am Leben. Punk im Osten“ (Hrsg. von Frank Willmann). Verlag Neues Leben, Berlin. 272 Seiten, zahlr. Fotos. Am 15. November, 21 Uhr, lesen Willmann und Mitautor Henryk Gericke in der Staatsgalerie Prenzlauer Berg, Greifswalder Str. 218

Frank Willmann, geboren 1963 in Weimar, reiste 1984 aus der DDR nach West-Berlin aus. Er veröffentlichte mehrere Bücher über Fußball und schreibt regelmäßig Sportkolumnen für den Tagesspiegel. Foto: Promo

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