Berlin : Unter Mammuts

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Von Andreas Conrad

Die Wurzeln der Love Parade sind zu wenig erforscht. Nein, hier geht es nicht darum, Techno musikhistorisch zu sezieren, auf Acid-House-Fabrikanten, auf Tangerine Dream, Kraftwerk und all die anderen Elektropopper zurückzuführen. Gesucht wird die Ur-Szene, das Vorbild fürs alljährliche Ritual, zu rhythmischem Rumpeln hintereinander durch einen Wald zu marschieren. Um die Diskussion voranzutreiben, sei eine mutige These vorgetragen, aus der sich mühelos mehrere Doktorandenkolloquien, Promotionen gar speisen lassen: Als Ursprung der Love Parade wird hiermit Disneys Dschungelbuch, genauer noch: die Morgenpatrouille des legendären Colonel Hathi festgelegt. Erstaunlich, dass darauf noch nie jemand gekommen ist. Denn darf nicht Techno die Marschmusik des modernen Ravers genannt werden? Wird nicht Jahr für Jahr geklagt, dass der Tiergarten nach besagter Parade aussehe, als sei eine Elefantenherde hindurchgestürmt? Fragt sich nur, wer als Alter ego des schwadronierenden Colonels zu benennen ist. Dr. Motte? Ein absonderlicher Gedanke, wie die gesamte Idee der kulturgeschichtlichen Fährtensuche zugegeben etwas schräg erscheinen mag. Leider lässt sich das nicht vermeiden, soll die Love Parade das öffentliche Interesse nicht gänzlich einbüßen. Denn nachdem sie endgültig als reine Spaßveranstaltung ohne Demonstrationscharakter definiert wurde, taugt das jahrelange Hin und Her um Friede, Freude, Eierkuchen nicht länger für Schlagzeilen, ja, es existiert überhaupt nicht mehr. Sollen Colonel Hathi und seine Techno-Elefanten also ruhig weiter durch den Tiergarten trampeln, die Hauptfrage ist ohnehin nur noch, ob es sich mittlerweile nicht eher um Mammuts handelt, eine vom Aussterben bedrohte Spezies.

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