Berlin : Unter Nashörnern

Berlins dienstältester Tierpfleger setzt sich zur Ruhe Er verbrachte die meiste Zeit mit Dickhäutern

Sebastian Leber

Umarmen kann er Narayani leider nicht zum Abschied. Obwohl er das asiatische Panzernashorn damals mit der Milchflasche groß gezogen hat. „Auch wenn es noch so zutraulich und friedlich aussieht: Ich bleibe lieber auf Distanz.“ Mehr als 48 Jahre hat Ralf Wielandt im Zoo gearbeitet, jetzt setzt sich Berlins dienstältester Tierpfleger zur Ruhe. So will es das Gesetz, schließlich ist Wielandt im November 65 Jahre alt geworden. „Für meine müden Knochen ist das der richtige Zeitpunkt zum Aufhören, mein Geist hätte gerne weitergemacht.“

Die meiste Zeit seines Berufslebens hat Wielandt bei den afrikanischen Spitzmaul- und den noch größeren Panzernashörnern verbracht. „Von morgens 7 Uhr bis abends 18 Uhr, da gab’s praktisch mehr Nashörner in meinem Leben als Menschen.“ Dabei war es Zufall, dass Wielandt ausgerechnet zu den Dickhäutern kam: „Die Stelle war frei. Zu den Bären hätte ich auch nicht Nein gesagt.“ Mit den Jahren sind ihm seine Schützlinge dann so ans Herz gewachsen, dass er sie auf keinen Fall mehr eintauschen wollte. „Jedes Nashorn hat einen ganz eigenen, liebenswerten Charakter.“ Yohda ist ein ruhiger Typ, Ine ist manchmal pingelig, Narayani wird leicht zickig. Und verteilt seinen Kot gerne entlang der Gitterstäbe, das „nervt schon“, sagt Wielandt. Ein besonders inniges Verhältnis hatte er zu Theluja – so hieß das erste Nashorn, das im Winter 1981 unter Wielandts Aufsicht im Berliner Zoo geboren wurde. Seitdem kamen 15 weitere Nashörner zur Welt, was „ziemlich einmalig“ und allein dem Können des Pflegers zuzuschreiben sei, wie Zoo-Mitarbeiter Rudolf Reinhard sagt. Denn Wielandt könne wie kein anderer spüren, wenn ein Nashorn-Weibchen in die kurze Brunstphase kommt: „Das merkt der, noch bevor es die Männchen mitkriegen.“ Was deshalb so wichtig ist, weil die ungeselligen Nashörner normalerweise getrennt gehalten werden müssen und nur in der Paarungszeit kurz in ein Gehege dürfen. „Das ist eine große Kunst, den richtigen Zeitpunkt abzupassen“, sagt Reinhard. Der Zoo kann aber auch in Zukunft mit Nashorn-Nachwuchs rechnen: Wielandt hat freien Eintritt auf Lebenszeit und will seinen Nachfolgern mit Tipps zur Seite stehen. Erstmal muss er aber den Reisegutschein einlösen, den er von seinen Kollegen zum Abschied geschenkt bekommen hat. Vielleicht fährt er nach Afrika. „Da könnte ich die Nashörner dann endlich mal in freier Wildbahn bewundern.“

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