Berlin : Untergegangen mit Pauken und Trompeten

Das Polizeiorchester Berlin spielte zum eigenen Finale noch einmal groß auf

Christian van Lessen

Was für ein Kontrast: Die ernsten Mienen im Publikum wollen gar nicht zu der Musik auf der Bühne passen. Das Orchester spielt gerade „Jingle Bells“ auf lateinamerikanisch, die Musiker trommeln sich mit heißen Salsa- und Calypso-Rhythmen in Rage, der Posaunist sieht aus wie Popstar Ricky Martin und der Dirigent wirkt wie ein junger Justus Frantz. Ein Klang purer Lebensfreude dröhnt durch den Saal. Doch das Publikum blickt viel zu ernst. Es muss am Anlass liegen: Denn die Musiker geben heute wirklich ihr Letztes: Das Polizeiorchester Berlin tritt nach 153 Jahren von der Bühne. Der Senat hat die Kosten nicht mehr tragen wollen.

Gestern Vormittag ist also unwiderruflich Schluss. Der voll besetzte Große Sendesaal des RBB an der Masurenallee bietet die Kulisse für die Beerdigung. „Alles, was schön ist, wird uns genommen“, sagt die 75-jährige Waltraut Gluszynski aus Schöneberg. „Das macht mich richtig böse.“ Und so denken sie fast alle hier im Publikum. „Was kommt demnächst dran, der Friedrichstadtpalast?“ Das Orchester hat seinen festen Fankreis, bis zu 200 Konzerte haben die 37 Polizeimusiker im Jahr absolviert, vor Tausenden von Zuhörern. Rund 1,53 Millionen Euro kostet die Band im Jahr. Seit langem wurde im Eifer von Sparzwängen über das Finale diskutiert. Der Senat machte nun ernst.

„Mit Pauken und Trompeten“ heißt das Matinee-Konzert“ und der 39-jährige Dirigent Peter Feigel macht , wenn er in den kurzen Pausen die nächsten Titel ansagt, aus seiner Traurigkeit kein Geheimnis. „Es gibt Momente, da hilft nur beten“, sagt er mit bitterem Lächeln und jeder im Publikum nickt und weiß , dass hier nichts mehr hilft. Haben die 15000 Unterschriften geholfen, die im Herbst für die Erhaltung des Polizeiorchesters gesammelt wurden? Die Verträge für gut ein Drittel der Musiker sind bis zum Jahresende befristet. Die anderen Musiker können nicht ohne Weiteres auf die Straße gesetzt werden, sie finden Aufnahme beim Brandenburger Polizeiorchester. Das ist für sie kein wirklicher Trost, zumal auch im Nachbarland über ein Ende des Polizeiorchesters diskutiert wird. Außer Bremen und jetzt Berlin haben alle Bundesländer derartige Ensemble. In den letzten Jahren hatte sich das Berliner Orchester einen breiteren Rahmen gegeben, Pop und Jazztitel aufgenommen, natürlich aber die traditionelle Blas- und Marschmusik gepflegt. Auch die spielen sie gestern zum Abschied, und das Urgestein des alten SFB, Götz Kronburger, kommt auf die Bühne, und sagt wehmütige Abschiedsworte. Das Orchester sei „musikalischer Botschafter Berlins“ gewesen. Weil es ein Benefizkonzert ist, werden 10000 Euro an den Unterstützungsfonds „Grüner Stern“ überreicht, der den Familien verletzter oder auch getöteter Berliner Polizisten hilft.

Es sind meist ältere Leute hier, seit Jahrzehnten mit dem Orchester vertraut, wenngleich in letzter Zeit häufig auch etwas irritiert: Big-Band- oder Disco-Sound, Jazz und Lateinamerikanisch – auch das unkonventionelle Auftreten des jungen Dirigenten – das gefällt nicht jedem. Werner Ploetz aus Steglitz etwa findet alles „viel zu modern“.

In der Pause ist dem Dirigenten das Lächeln vergangen. „Ich verspreche mich ständig, an mir geht das alles nicht spurlos vorüber“, hatte er schon dem Publikum zugerufen. Kein Politiker sei zum Abschiedskonzert gekommen, stellt er nun bitter fest. Das älteste Polizeiorchester Deutschlands, mit 38,5 Wochenstunden auch eines der fleißigsten, gehe unter schmetternden Rhythmen geradezu sang- und klanglos unter. Es sei schade um die Menschen, um die professionelle Musik, die in den letzten Jahren nur besser hätte vermarktet werden müssen.

Nach drei Stunden letzter Trommelwirbel bei Klängen des „Christmas Festivals“. Das ernste Publikum erhebt sich von den Plätzen, zehn Minuten lang. Eine Trauer-Demonstration. Beifall, Tränen im Saal, auch im Orchester. Keine Zugaben: Finale, endgültig.

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