Berlin : UNTERM ADLER

Thorsten Metzner über eine späte Einsicht und einen Strippenzieher

Thorsten Metzner

Der Mann ist immer noch für Überraschungen gut. Regierungssprecher Thomas Braune flatterte jetzt eine Postkarte auf den Schreibtisch, abgeschickt in Amerika, frankiert auf der Golden Gate Bridge. Der Absender: Manfred Stolpe, der langjährige SPD-Ministerpräsident. Er leistete eine ungewöhnliche Abbitte. Mit großer Verspätung bedankte er sich mit der Karte für ein Geschenk, das Braune ihm im Namen der Landespressekonferenz vor fünf Jahren anlässlich seines Rücktrittes gemacht hatte. Nämlich für den „sehr handlichen und äußerst hilfreichen Führer von San Francisco“. Dass es ihn einmal tatsächlich dorthin führen wird, hätte sich der eher auf Osteuropa ausgerichtete Stolpe, der jetzt einige Wochen mit seiner Frau Ingrid die mittlerweile in San Francisco lebende Tochter besucht, damals wohl nicht träumen lassen. Stolpe kommentiert dies auf der Karte mit philosophischem Unterton: „Manche Werte begreift man erst später.“

Heinz Vietze gilt als PDS-Urgestein. Er war früher SED-Bezirkschef in Potsdam. Zu seinem 60. Geburtstag am vergangenen Mittwoch machten ihm mit Matthias Platzeck und Oskar Lafontaine gleich zwei frühere SPD-Bundesvorsitzende ihre Aufwartung – gemeinsam mit Ex-SED-Funktionären. Seitdem ist Vietze allerdings wie vom Erdboden verschluckt. Der Grund: Seine Frau Diana hatte ihn mit einem persönlichen Geschenk überrumpelt. Sie entführte den linken Workaholic am nächsten Morgen für ein paar Tage in ein Wellness-Hotel nach Bayern. Das Sekretariat Vietzes im Landtag war natürlich eingeweiht. Es hatte alle Vietze-Termine, die in die Zeit des Zwangs-Kurzurlaubes fielen, still und leise verlegt, ohne dass er etwas mitbekam. „Das Strippenziehen haben wir von Dir gelernt.“ Vietze, der als langjähriger parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion und damit als ihr heimlicher Vorsitzender jetzt abtritt, befand auf dem Empfang: Wenn hinter dem Rücken eines Strippenziehers so viele Strippen vorbeigezogen werden, „ist es wirklich Zeit, dass ich mich zurückziehe.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben