Berlin : Unterm Dach

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VON TAG ZU TAG

Christian van Lessen über

das Gefühl, gut behütet zu sein

Der Bundestag soll ein Haus des Volkes sein? Viele im Volk glauben das nicht. Auch die emsigsten Volksvertreter hören hin und wieder, spätestens bei der nächsten Diätenerhöhung, den altgewohnten Vorwurf, zu denen „da oben“ zu gehören, die sowieso immer … und so weiter und so fort.

Wie nah sich Bundestag und Volk kommen, zeigt sich an Tagen wie gestern, wo wieder Tausende ihren Ausflug oder BerlinTrip dazu nutzen, um am Reichstag entlangzuspazieren, vorbei am eingezäunten Grün des Vorplatzes, vorbei am klotzigen Parlamentsneubau des Paul-Löbe-Hauses. „So viel Beton“, schimpfen die Leute dann in gewisser Regelmäßigkeit, dann meckern sie über die Regierung und natürlich auch über die Volksvertreter, die mit den Steuergeldern … und so weiter und so fort. Dieses protzige lange Vordach etwa, das viel zu ausladend in den Straßenraum ragt: Hätte es nicht kürzer und billiger sein können?

Und dann kommt’s über Mittag ganz dicke von oben: Schwarze Wolken verdüstern den Himmel, fast unvermittelt fängt es an zu schütten. Wer rund um den Platz der Republik steht, sieht nur ein rettendes Ziel: das große lange Vordach des Paul-Löbe-Hauses. Hier laufen die Leute hin, suchen Schutz vor Wind und Wetter, und plötzlich schimpft keiner mehr: Unterm Dach des Bundestages fühlen sie sich wohl und behütet, loben den grandiosen Bau mit dem genialen Vordach. Für kurze Zeit haben sie Gewissheit: Der Bundestag lässt das Volk nicht im Regen stehen.

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