Berlin : Unterm Funkturm wuselt die Welt

Die Grüne Woche feiert 80. Geburtstag: mit neuen Leckereien, Russland als Partner – und vielen exotischen Tieren

Jens Mühling

Eine Stadt, eine Farbe: Wenn am Freitag die weltweit größte Verbrauchermesse für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau beginnt, trägt Berlin eine Woche lang Grün. Und mit Berlin die halbe Welt: Zwei Drittel der Aussteller kommen aus dem Ausland und bringen zur Grünen Woche neben kulinarischen Spezialitäten jede Menge exotischer Tiere mit: von afrikanischen Spinnen bis zu schillernden Leguanen aus Südamerika.

Zwei kulinarische Neuzugänge gibt es in diesem Jahr: Erstmals können Besucher Spezialitäten aus Kasachstan kosten, erstmals ist auch die Mongolei vertreten. Auf die stetige Ausdehnung Richtung Osten ist Messe-Sprecher Wolfgang Rogall besonders stolz: „Berlin rückt immer stärker in den Blickpunkt Osteuropas, und das ist die Region, die heute Wachstum bringt.“ Vertreten sind neben sämtlichen EU-Neuzugängen alle Erweiterungskandidaten und alle Bewerberländer der Union, Russland ist größter internationaler Aussteller und offizielles Partnerland der Grünen Woche. „Zumindest im Bereich der Ernährungsindustrie ist Berlin heute die Drehscheibe zwischen Ost und West“, glaubt Rogall: Für Aussteller, die den internationalen Handel für die eigenen Produkte begeistern wollen, stehe „Berlin für die gesamte EU“.

Dass die Ernährungsskandale der jüngeren Vergangenheit der Messe schaden könnten, glaubt Rogall nicht: „Bei uns stehen Lebensmittelqualität und -sicherheit im Vordergrund, das wissen die Verbraucher.“ Wie schon in den Vorjahren werden rund 100 000 Ernährungsspezialisten und mindestens 400 000 probierhungrige Besucher erwartet. Ein Ausmaß, das vor 80 Jahren unvorstellbar gewesen wäre: Damals, 1926, fand die Grüne Woche zum ersten Mal statt, und zunächst war sie nur der Versuch, den wilden Handel zu bändigen, der regelmäßig bei den Wintertagungen der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft blühte. Weil die Händler mit ihren grünen Lodenmänteln eine Woche lang das Stadtbild dominierten, war schnell ein Name für die Messe gefunden: eben die „Grüne Woche“.

Was als lokale Warenbörse begann, entwickelte sich schnell zum internationalen Forum: Unzählige landwirtschaftliche Neuerungen wurden hier zum ersten Mal am Verbraucher getestet – auch wenn manche heute zu Recht vergessen sind. So sorgte 1930 eine „Eierzentrifuge“ für Aufsehen, in der sich 5000 Eier im Kreis drehten und so über ein Jahr lang frisch bleiben sollten. Etappen-Misserfolge, die die Beliebtheit der Messe nicht bremsen konnten: Selbst zur Blockade-Zeit fand die Grüne Woche statt, auch wenn damals an vielen Ständen Wurstattrappen aus Pappe hingen. Zum runden Geburtstag der Grünen Woche setzen die Veranstalter neben regionaler Ausdehnung auch auf neue Rekorde: Insgesamt 10 000 Tiere sollen etwa bei der Teilmesse „Heimtier & Pflanze“ gezeigt werden. „Allerdings“, gibt Wolfgang Rogall zu, „sind da auch Zierfische und Bienen mitgezählt“.

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