Berlin : Unternehmen Abbruch

Topographie des Terrors: Gestern gruben sich die Bagger in die Treppentürme des Architekten Zumthor

Kerstin Decker

Die rechte Ecke fehlt schon. Es ist viertel vor elf. Genau vor einer Stunde hat der Bagger, den alle nur den „Long Liner“ nennen, seine Stahl-Zähne ganz oben in den mittleren Zumthor-Turm geschlagen. Ganz schön hart, so ein Zumthor-Turm. Auch Bauleiter Bertram Reinhardt ist beeindruckt. Für einen Turm braucht der Long Liner mindestens drei Tage, sagt er. Nur für die obere Hälfte. Unten machen dann die beiden kleinen Bagger weiter. Die Short Liner?

Wahrscheinlich würde Peter Zumthor diese Widerständigkeit seiner Türme gefallen. Bis zuletzt hatte er mit einer Klage vorm Bundesverfassungsgericht den Abriss zu verhindern gesucht. Die Türme sind Treppenhäuser. Die Hülle, die transparent wie eine Licht-Haut den historischen Ort des einstigen NS-Terrors schirmen und zugleich hervorheben sollte, ist nie gebaut worden. Einen Abriss-Aufschub hatte Zumthor zwar erreicht. Aber mit dem einzigen Ergebnis, dass die Potsdamer Baufirma den eigenen Long Liner schon beschäftigt hatte, und sich für den neuen Termin einen Fremd-Long-Liner ausborgen musste. Knabbern, nennt der Bauleiter die verbissene Tätigkeit des Baggers. Mehr ist nicht drin. Sollen sie sich an seinen Türmen ruhig alle Zähne ausbeißen, wird Zumthor denken.

Aber das ist ja schon passiert, elf volle Jahre lang. Am Ende weiß keiner mehr, wer schuld daran ist. Nur dass die Baukosten von ursprünglich geplanten 37 Millionen Mark bald dieselbe Summe in Euro betrugen. Und dass Zumthor nicht bereit war, die Treppentürme zur Verbesserung der Statik zu benutzen. Das wäre billiger geworden, hätte dem Bau aber seine eigentliche Idee genommen, findet Zumthor. Und die Idee war eben der schwebende Charakter, Haus und Rücknahme des Hauses zugleich. Damit Betonung der authentischen Schichten.

Um eine authentische Schicht hat Klaus Hesse, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Topographie des Terrors und verantwortlich für die Ausstellungen, im Augenblick besonders Angst. Denn im Fundament des Zumthor-Baus liegen auch die Küchen-Reste der SS. 1933 sind der „Reichsführer SS“, die Gestapo-Zentrale und das Reichssicherheitshauptamt in die frühere Berliner Kunstgewerbeschule, Prinz-Albrecht-Straße 8, eingezogen. Allein die Küchenkellerfundamente sind noch da, nicht einmal 40 Zentimeter entfernt von den Zumthor-Fundamenten, die nun raus müssen. Ein Abriss war nicht vorgesehen, als man sie so dicht baute.

Hesse sitzt hinter der Glaswand des Stiftungscontainers und hat den starren Blick höheren Unglaubens. Denn zu wissen, dass der Abriss kommt, ist etwas ganz anderes, als ihn selbst zu erleben. Wenn man ihm sagen würde, das da vorn sei nur das Wahnbild einer Novemberdepression, er würde es glauben. Längst sollten seine Ausstellung, nein, mehrere Ausstellungen dort zu sehen sein, wo jetzt die Bagger arbeiten. In diesem genialen Entwurf, sagt Hesse. Ein Schweizer Dokumentarfilmer packt seine Kamera aus. Er dreht ein Zumthor-Porträt für das Schweizer Fernsehen. Vor einem Monat war er mit Zumthor hier, diesmal ist er allein gekommen. Gut, dass Zumthor das nicht sehen muss, sagt er, als der Long Liner ein besonders großes Stück aus dem mittleren Turm bricht. Der Filmemacher weiß auch nicht, wie es „dazu“ kommen konnte.

Bauleiter Reinhardt findet, das sei alles so wie im richtigen Leben. Man nimmt sich vieles vor und bricht dann doch manches wieder ab, sagt Reinhardt und lacht. Abbrechen! Was für eine passende Metapher. Reinhardt lässt alle Baustellenbesucher „Enthaftungserklärungen“ unterschreiben: Wenn hier auf dem Gelände jemand irgendwo reintritt und sich ein Bein bricht, ist der Senat definitiv nicht schuld daran. Direkt unter uns, unter der Rasenfläche, sind die Zellenböden des Gestapo-Hauptgefängnisses. Die SS hatte Zwischenböden und -wände in die einstigen Malerateliers einziehen lassen. Die Zellenränder waren noch gut erkennbar, bevor man wieder Gras drüber wachsen ließ. Gras-drüber-wachsen-lassen ist eine gute Konservierungsmethode. Schade, dass man nicht für alle Dinge des Lebens Enthaftungs-Erklärungen ausstellen kann. Etwa für eine elfjährige Geschichte mit schlechtem Ausgang, deren Höhepunkt im Mai 1995 ein Festakt im Abgeordnetenhaus zum symbolischen Baubeginn war. Danach gab es keinen Festakt mehr. Nur Bauverzögerungen, dann den Baustopp 2000 – und jetzt den Abriss. Aber Abriss würde der Mann mit den Enthaftungserklärungen nie sagen.

Als Bauleiter überwacht der Senat jetzt auch den „Rückbau“, um das Grundstück „baurein“ dem Nächsten zu übergeben. Wer das ist, weiß keiner. Das wird eine neue EU-weite Ausschreibung zeigen. Man müsste noch den Baggerfahrer fragen, wie man sich fühlt als Zumthor-Rückbauer. Aber der Baggerfahrer hat keine Zeit. Die fehlende rechte Ecke ist inzwischen nur wenig größer geworden.

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