Berlin : Unternehmen Gesundheit

Ein Arzt schafft mit einem Medizin-Zentrum 200 Jobs. Die Behandlung soll besser und billiger werden

Alexander Visser

In diesem Wartezimmer lässt es sich aushalten. In die Lehnen der Holzbänke sind Lautsprecher eingebaut, aus denen sanft klassische Musik ertönt. Die zimmerhohe Glaswand gibt den Blick auf die Straße frei. Statt im abgelegenen Hinterzimmer sitzen die Patienten in Sichtweite der Rezeption, können der Sprechstundenhilfe beim Telefonieren zusehen. Aber das Beste ist: „Die Patienten brauchen hier meist nicht lange zu warten, wir sind sehr um Termintreue bemüht.“ Das verspricht zumindest Susanne Schwarz, ärztliche Leiterin des medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) in Berlin-Friedenau. Die Einrichtung ist das erste MVZ der Polikum-Gruppe, die hier scheinbar Unmögliches in Einklang bringen will: medizinische Versorgung der Spitzenklasse zu geringen Kosten.

Das MVZ, das in einem ehemaligen Gebäude des Auguste-Viktoria-Klinikums untergebracht ist, wird am Freitag offiziell eröffnet. Der Kassenärztlichen Vereinigung zufolge ist es das größte in Berlin. 25 Ärzte werden dort bald angestellt sein, Ende 2006 sollen es 40 bis 50 sein. Insgesamt will Polikum dann rund 200 Mitarbeiter beschäftigen und 1400 bis 1800 Patienten in der Woche behandeln. Das ist erst der Anfang: „Wir wollen ein bundesweites Netzwerk medizinischer Zentren aufbauen“, sagt Polikum-Gründer Wolfram Otto. Der Allgemeinmediziner und Gesundheitsökonom will Polikum als „erste Marke im ambulanten Gesundheitswesen“ bundesweit etablieren.

Medizinische Versorgungszentren wurden 2004 im Rahmen der Gesundheitsreform eingeführt. Wie die früheren DDR-Polikliniken sollen MVZ eine integrierte ambulante Versorgung anbieten: Neben Hausärzten können sich im MVZ auch Fachärzte verschiedener Disziplinen, Ernährungsberater oder Physiotherapeuten ansiedeln. Der Patient erhält gesundheitliche Versorgung aus einem Guss. 270 MVZ wurden bundesweit bisher gegründet. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) haben sie durchschnittlich drei bis vier Ärzte. „Das Polikum-MVZ ist schon jetzt eines der größten in Deutschland“, sagt KBV-Sprecher Roland Stahl. Wenn es wie geplant weiter wachse, könne es das größte Zentrum im Land werden.

Unter Berlins Ärzten gibt es Vorbehalte gegenüber den neuen Medizin-Zentren. Man begrüße zwar das Ziel einer integrierten Versorgung, sagt Elmar Wille, Vizepräsident der Berliner Ärztekammer. „Aber die Arztwahlfreiheit ist im MVZ de facto eingeschränkt.“ Ein Hausarzt im MVZ werde Patienten in der Regel an Fachärzte aus dem eigenen Haus überweisen, beziehungsweise an die Klinik, mit der das MVZ kooperiere. „Hier könnten wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen und nicht die Suche nach dem besten Spezialisten“, warnt Wille. Sollte sich das MVZ als Organisationsform durchsetzen, könnte zudem die Flächenversorgung leiden, befürchtet der Augenarzt. „In fünf Jahren ist die Versorgungsstruktur vielleicht nicht wiederzuerkennen.“

Otto erwartet zunehmenden Wettbewerb zwischen niedergelassenen Ärzten, Kliniken und ambulanten Zentren. Sein MVZ soll sich dabei mit hoher Qualität durchsetzen. Dafür investiert er mit Unterstützung der Deutschen Apotheker- und Ärztebank einen zweistelligen Millionenbetrag. So hat die GmbH allein 300000 Euro in eine digitale Röntgenanlage der Spitzenklasse gesteckt. Trotz der finanziellen Risiken in einem Gesundheitsmarkt, der Ärzte längst nicht mehr automatisch gut verdienen lässt, glaubt Otto, dass sich die Investitionen rentieren werden. Durch die gemeinsame Nutzung von Technik, Räumen und Verwaltung habe man Wettbewerbsvorteile: „Wir halbieren die Kosten.“ Otto sieht sich als ökonomisch denkender „Optimierer“, was ihn von den meisten Kollegen unterscheide – für die unternehmerische Seite ihres Berufs würden sich nicht viele Ärzte interessieren.

Das medizinische Angebot im MVZ reicht von Allgemeinmedizin über Dermatologie und plastische Chirurgie bis hin zur Zahnheilkunde. Allgemeinmediziner, Fachärzte und Gesundheitsfachkräfte sollen sich eng miteinander abstimmen. Zu der nahtlosen Versorgung soll die digitale Patientenakte beitragen. Ist der Betroffenen einverstanden, können alle Ärzte des MVZ auf die Computerdaten zugreifen. „Dadurch entfallen unnötige Doppeluntersuchungen“, sagt Mitbegründerin Susanne Schwarz.

Die farbenfrohen Bilder, die das ganze Gebäude schmücken, hat die Malerin Elfriede Otto gemalt, die Mutter des Gründers. „Sie geben den Räumen Wärme“, sagt der Sohn. „Die Patienten sollen sich hier wohl fühlen.“ Dazu sollen bald auch eine Kinderbetreuung und ein Gesundheitsbistro beitragen.

Das Polikum-MVZ lädt am Sonntag, 20. November, zu einem Tag der offenen Tür. Rubensstraße 119, Telefon: 7201100.

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