Unterricht am Gasometer : Wenn Eltern Lehrer sind

Wegen einer Lehrerfortbildung fiel am Arndt-Gymnasium der Unterricht aus. Statt schulfrei gab es Unterricht bei den Eltern.

Vinzenz Greiner
Law and Order. Die Anwältin Andrea von Finckh gehörte zu den Eltern, die den Schülern ihre Berufe erklärten.
Law and Order. Die Anwältin Andrea von Finckh gehörte zu den Eltern, die den Schülern ihre Berufe erklärten.Thilo Rückeis

An diesem Donnerstag läuft der Unterricht in der 10w anders ab als sonst. Es geht um Diebstahl, Totschlag, Vergewaltigung. Die Schüler staunen, als die Juristin Andrea von Finckh erzählt, womit sie es in ihrer Karriere als Richterin und Anwältin zu tun gehabt hat.

Andrea von Finckh ist die Mutter von Konrad, der heute zusammen mit seinen 25 Mitschülern das Klassenzimmer des Dahlemer Arndt-Gymnasiums gegen einen Raum im Wasserturm neben dem Gasometer eingetauscht hat. Freiwillig.

Wegen einer Lehrerfortbildung hatten die Schüler eigentlich zwei Tage frei. Doch eine Mehrheit der Werkklasse, in der sich die Schüler von Theater bis Musik der ästhetischen Bildung widmen, hatte sich für einen eintägigen Eltern-Unterricht entschieden.

Sieben Eltern hinterm Lehrerpult

Die Idee dazu sei vor drei Monaten auf einem Elternabend entstanden, erzählt Wolfgang Henrich. Die Kinder müssten neben der vielen Theorie auch Bezug zu unterschiedlichen Realitäten bekommen. „Es ist wichtig, ihnen zu zeigen, welche Zukunftswege sie beschreiten können“, sagt der Direktor der Geburtsmedizin an der Charité und Vater einer Schülerin. Einige Eltern hätten befürchtet, der Tag würde nicht angenommen. Häufig heiße es ja, die Generation sei unmotiviert und starre nur aufs Handy, sagt Henrich.

Das tut heute keiner. Stattdessen hören alle gebannt zu, wenn von Finckh erklärt, warum Richter unterschiedlich entschieden. Zum Schluss noch eine Aufgabe: Auf der Leinwand steht die Beschreibung eines Tötungsdelikts. „Notwehr oder nicht?“, fragt die Anwältin. Nein, sagen mehrere Schüler – und liegen richtig.

Begierig fragen die Schüler nach Arbeitsmöglichkeiten im Ausland und Gewissensbissen bei der Verteidigung von Straftätern . Die Anwältin spricht so routiniert wie hinterm Lehrerpult, dass sogar ihr Sohn Konrad in den Schüler-Reflex zurückfällt und sie siezt. Lachen.

Insgesamt sieben Eltern schlüpfen in die Lehrerrolle: Später erklärt Clemens Hach vom Auswärtigen Amt den Schülern die Welt der Diplomaten, Wolfgang Henrich die Geburtsmedizin an der Charité. Uwe Schneider spricht über seine Arbeit beim Deutschen Geoforschungs-Institut. Er hat den Raum auf dem Campus des Europäischen Energieforums (Euref) für diesen Tag organisiert; wie auch die Führung durch die Gasometer-Studios von Günther Jauch am Morgen.

Erfahrung der Eltern für die Zukunft der Kinder

Der moderne Büro- und Wissenschaftscampus passe zum Thema des Tages „Erfahrung, Zukunft, Visionen“, sagt Henrich, der gemeinsam mit Schneider den Kern des Organisationsteams bildet. Sie hoffen, dass das Projekt in Zukunft Nachahmer findet – in Dahlem und anderswo.

Über ihre berufliche Zukunft haben schon ein paar Schüler nachgedacht. Zoe möchte auf jeden Fall Tierärztin werden. Antonia denkt eher an Management oder Psychologie. Eine Karriere à la von Finckh plant sie aber auf keinen Fall. „Mein Gewissen wäre meine Schranke“, sagt sie.

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