Berlin : Unterricht bei Barenboim

In der Stille liegt die Kraft: Der Stardirigent übt mit Musikstudenten – und widmet den leisen Momenten seine größte Aufmerksamkeit

Kolja Reichert

Im Kammermusiksaal der Philharmonie herrscht eine Stimmung wie im Vorlesungssaal. Die Musiker murmeln und scherzen noch, bevor der Dozent kommt. Daniel Barenboim, Weltstardirigent und Ehrensenator der Musikhochschule Hanns Eisler, tritt im sommerlichen Kurzarmhemd auf. Er ist nicht zur Show hier, sondern zum Arbeiten. Was folgt, ist nicht weniger als eine dreistündige Vorlesung über die Grundlagen musikalischen Philosophierens. Das Sinfonieorchester der Hochschule hat Beethovens Leonoren-Ouvertüre eingeübt, und der Meister wird nun für den Feinschliff sorgen.

Man sieht den Studentinnen und Studenten an, welch einmalige Gelegenheit das für sie ist. Ein Kontrabassist outet sich mit einem T-Shirt des „West-Eastern Divan“-Projekts als Fan. Barenboim prescht in die respektvolle Spannung hinein. Ohne Umschweife lässt er beginnen, ergreift jedes Instrument mit Blicken und springt dann beim Crescendo auf, um sich in Zuckungen den Bratschen entgegenzu- werfen, so dass man fürchtet, er würde eine Schneise in sie schlagen wollen. Nicht weit gefehlt: Mit einem vernichtenden: „Nein, nein, nein, nein!“, würgt er ab.

Hier sitzt der Nachwuchs der Orchesterelite, doch Barenboim fängt ganz von vorne an: „Wir müssen aufeinander hören. Es geht nicht um zusammen spielen, es geht um zusammen atmen.“ Er macht dem Orchester das größtmögliche Kompliment: Er nimmt es ernst. Er lässt nicht locker, bevor jede Phrase atmet. „Man sieht, ihr habt das geübt“, attestiert er den Geigen nach ihrem furiosen Crescendo, „klingt wunderbar.“ Aber: „Bedeutet nichts. Wie Mickymaus- Werbung.“

Barenboim rechnet von Null aus; bei den leisen Momenten hält er sich am längsten auf. „Wenn wir nicht intensiv spielen, stirbt der Klang. Das ist keine Wand, die einfach stehen bleibt.“ Der Stardirigent liefert eine Spruchsammlung, die sich Nachwuchscellistinnen übers Bett hängen könnten: „Jeder Ton, den wir spielen, tendiert zu sterben“. Oder: „Man muss so spielen, dass die Pause lauter ist als der Ton.“ Alles setzt er ein, um seinen Weisheiten Nachdruck zu verleihen, schlägt mit dem Stock die Phrasierung aufs Pult, springt der Konzertmeisterin zur Seite und gibt ihr Zeichen oder lässt seine Partitur auf den Boden fallen: „Das ist die Stille. Die Gravität.“ Im Aufheben: „Und das ist der Klang. Unsere Energie.“

Barenboim hält den ganzen Saal in der Hand. Mit Lob zaubert er Lächeln, mit Tadel Unterwürfigkeit. Teils herrscht mehr Stille, als ihm lieb ist. „Was denkt ihr?“ Stille. „Denkt ihr überhaupt nicht?“ Stille. „Einer muss mir doch eine Antwort geben.“ Ein Geiger versucht es, verschüchtert murmelnd. Barenboim: „Was?!“ Stille. „Ich habe das Gefühl, ich spreche in einer Fremdsprache.“

Als das Stück noch einmal durchgebürstet wird, glänzt es hörbar mehr als zuvor. Jetzt muss es doch mal gut sein, denkt das Publikum und setzt zum Beifall an, doch Barenboim winkt ab: „Nein, nein, nein, nein.“ Die Arbeit ist noch nicht zu Ende. Punkt 18 Uhr erklingt der letzte Akkord. Alle Blicke gespannt auf den Meister. Dem genügt ein Wort: „Bravo.“

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