Berlin : Unterrichtsausfall: Schulen bedrängen den neuen Senator

Umfrage belegt hohe Anzahl von Fehlstunden / Studienräte schicken Zöllner „Überlastungsanzeige“

Susanne Vieth-Entus

Kaum im Amt, wird der neue Bildungssenator schon mit dem leidigen Thema „Unterrichtssausfall“ konfrontiert. Eine Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ergab jetzt, dass allein an den Berliner Grundschulen innerhalb einer Woche 9700 Stunden ausfielen. Weitere 6500, für Sprachförderung etwa, wurden gar nicht erst eingeplant, weil nicht genügend Lehrer vorhanden sind – die Erkrankungen gar nicht eingerechnet. Senator Jürgen Zöllner sieht das Ergebnis als eine „Bestätigung, dass die Frage der Vertretungsreserve vordringlich gelöst werden muss“.

Die GEW-Schulleitervereinigung hatte alle 850 Schulen vom 6. bis 10. November gebeten, zu notieren, wie viele Stunden ausfallen oder fachfremd vertreten werden. Rund 55 Prozent der Schulen reagierten. Aus den Rückmeldungen ergab sich, dass an den Grundschulen hochgerechnet rund 170 Lehrkräfte fehlen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich an den Gymnasien, wo ein Unterrichtsausfall von 4500 Stunden – das entspricht etwa fünf Prozent – festgestellt wurde. Die GEW geht davon aus, dass an den Gymnasien 50 Stellen unbesetzt sind. Eine Vertretungsreserve fehle völlig. Die Vorsitzenden der Schulleitervereinigung, Erhard Laube und Wolfgang Harnischfeger, appellierten an Zöllner, den Schulen „sehr schnell eine Vertretungsreserve zu geben“. Insbesondere für Schüler, die auf den mittleren Bildungsabschluss oder das Zentralabitur hinarbeiteten, sei es besonders wichtig, fachgerecht unterrichtet zu werden. Zöllner kündigte an, die offizielle Ausfallstatistik werde „in den nächsten Wochen veröffentlicht“.

Das Ausmaß des Problems will jetzt auch der Bezirkselternausschuss von Steglitz-Zehlendorf deutlich machen. Im Rahmen eines „etwas anderen Adventskalenders“ heißt er den Senator auf ungewöhnliche Art in Berlin willkommen. Er wird ihm jeden Tag „ein Türchen aufmachen“, hinter dem sich „eine andere kleine Krise der Berliner Schullandschaft“ verbirgt. In der Vorweihnachtszeit begegne ihm so „auf besinnliche Weise der Unterrichtsausfall in seiner schönsten Pracht und in allen möglichen Formen“. Den Anfang macht am 1. Dezember das Fichtenberg-Gymnasium, wo vergangene Woche wegen Erkrankungen 71 Stunden ersatzlos ausfielen.

Damit aber nicht genug. Zöllner bekam jetzt auch noch Post aus Reinickendorf. 62 Lehrer des Humboldt-Gymnasiums schrieben ihm eine vierseitige „Überlastungsanzeige“, in der sie ebenfalls auf den Personalmangel Bezug nehmen. Dort heißt es, das Kollegium arbeite „permanent an und über der Belastungsgrenze“. Zöllner müsse als Dienstherr seiner Fürsorgepflicht nachkommen. Die Lage sei derart zugespitzt, dass die Arbeit nicht mehr vollständig erledigt werden könne. Dadurch aber könnten Schüler „geschädigt“ werden, weil den Lehrern Zeit fehle, den Unterricht gut vorzubereiten, sich fortzubilden oder Beratungsgespräche anzubieten. Wie berichtet, hatten vergangene Woche schon über 400 Reinickendorfer Lehrer wegen Überlastung symbolisch Abschied genommen.

SPD-Bildungsfachmann Karl-Heinz Nolte zeigte sich überrascht von den neuen Daten zum Unterrichtsausfall. Er glaubt, dass es sich eher um „organisatorische Probleme“ handelt. Wenn sich aber herausstellen sollte, dass tatsächlich zusätzlicher Personalbedarf bestehe, „muss er finanziert werden“, sagte der Haushaltspolitiker.

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