Berlin : Unterstützung für die Einheitsschule

Der Besuch des UN-Gesandten bestärkt die Senatsparteien SPD und PDS in der Ablehnung des gegliederten Schulsystems

Susanne Vieth-Entus

Der Kritik des UN-Sondergesandten Vernor Muñoz am mehrgliedrigen deutschen Schulsystem fällt in Berlin auf fruchtbaren Boden. Die SPD fordert jetzt Modellversuche, bei denen Grundschüler nach der sechsten Klasse komplett zusammenbleiben und nicht auf die einzelnen Schulformen aufgeteilt werden. Falls es nach den Wahlen eine rote-rote Mehrheit gibt, ist damit klar, dass es ernst wird mit der „Einheitsschule“, denn die PDS will mit diesem Thema sogar in den Wahlkampf ziehen. Bildungsfachleute kritisierten gestern allerdings Muñoz’ Stellungnahme als „pauschal“ und „schlicht“.

Die SPD setzt nach den Worten ihrer bildungspolitischen Sprecherin Felicitas Tesch auf freiwillige Kooperationen von Grundschulen und weiterführenden Schulen mit dem Ziel, dass Grundschulklassen komplett zusammenbleiben. Am ehesten wird erwartet, dass solche Verbindungen zu Gesamtschulen zustande kommen, die auch bei Familien mit höheren Bildungsansprüchen akzeptiert werden wie etwa die Marienfelder Gustav-Heinemann-Gesamtschule oder die Charlottenburger Friedensburg-Gesamtschule. Er hege durchaus „Sympathie“ für eine derartige Kooperation, sagte gestern der Leiter der Friedensburg-Schule, Paul Schuknecht, und verwies auf die Fritz-Karsen- und die Walter-Gropius-Gesamtschule, die schon immer über eine angeschlossene Grundschule verfügten. Schuknecht hat die Erfahrung gemacht, dass Eltern bereit sind, auf die Option „Gymnasium“ zu verzichten, wenn eine Gesamtschule ein attraktives Profil hat.

Der Landeselternvorsitzende André Schindler hat generell nichts dagegen, freiwillige Modellversuche zu wagen. Er hält es aber für eine „naive Idee“, darauf zu setzen, dass sich Grundschuleltern auf den Übergang der gesamten Klasse in eine Gesamtschule einigen. Schindler geht davon aus, dass ein Teil der Eltern darauf bestehen wird, ihre Kinder auf das Gymnasium zu schicken. Dann wäre man wieder bei dem jetzigen Dilemma der meisten Gesamtschulen: dass nämlich die obere Leistungsschicht fehlen würde.

Der HU-Erziehungswissenschaftler Rainer Lehmann bezeichnete die Empfehlung des UN-Gesandten Muñoz als „schlicht“. Muñoz habe offenbar „in Unkenntnis der Komplexität der hiesigen Verhältnisse“ sein Urteil gefällt. Dazu gehört für Lehmann, dass laut der Pisa-Studie die soziale Herkunft der Schüler in Berlin und Brandenburg keineswegs besser kompensiert wird als in den Bundesländern, die ihre Kinder schon nach vier Grundschuljahren und nicht erst nach sechs aufteilen. Der Philologenverband zeigte sich „enttäuscht“ von den Äußerungen Muñoz’: Die „pauschal geäußerte Kritik“ vermittle „den Eindruck der Voreingenommenheit“. Der Philologenverband will wie die CDU und die FDP das gegliederte Schulsystem beibehalten.

Die SPD ist unterdessen bemüht, das Thema „Einheitsschule“ nicht zu hoch zu hängen. „Wir wollen nicht das Gymnasium abschaffen“, betonte Felicitas Tesch. Bis zur gemeinsamen Schule für alle sei es „ein weiter Weg“. Die PDS allerdings beharrt darauf, das Ziel nach der Wahl anzugehen. Wenn sie siegt.

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