Berlin : Unterwandert von der Drogenszene

Am Nauener Platz in Wedding, wie auch an anderen Stationen der U-Bahnlinie 9, blüht das Geschäft mit Rauschgift. Die Polizei scheint machtlos

Christian van Lessen

Wedding. „Verkaufen Sie Rauschgift?“, fragt der Journalist einen jungen Araber auf dem U-Bahnsteig Nauener Platz. Der Mann , der am Tresen des Getränkekiosks lehnt, sieht nach Drogenszene aus, zumal er gerade mit einem abgemagerten, kränklich wirkenden Jugendlichen sprach und ein Bündel Geldscheine in der Faust hält. „Verstehe nicht“, antwortet der Mann, der Journalist hakt nach: „Ich meine Heroin.“ Der Dealer überlegt, schaut sich kurz um und flüstert: „Wie viel willst du? Nimmst du selbst?“

Ein Versuch, die Angaben von Fahrgästen und Anwohnern des Nauener Platzes in Wedding aus eigener Erfahrung zu bestätigen. So leicht scheint es zu sein, an Heroin oder Kokain zu kommen, zu jeder Tageszeit, wie jetzt, am Dienstagnachmittag. Neben der Linie 8 ist besonders die U-Bahnlinie 9 zwischen Turmstraße, Leopoldplatz und Nauener Platz zu einer Handelsstraße für Drogendealer geworden. Kommt es zu Schwerpunktkontrollen, zu der die Polizei mitunter in Hundertschaften auf einer Station anrückt, wird der nächste oder übernächste Bahnhof zum illegalen Marktplatz. Ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. In Gruppen von bis zu zwölf Personen fahren Dealer die Strecken ab, beim Halt überblicken sie die Bahnsteige, rufen sie ihren Kollegen auf den Stationen Botschaften zu. Die einen steigen ein, andere wieder aus.

„Die Leute, die man dort sieht, sind alle der Polizei bekannt“, sagt Clemens Kolling, der Suchtkoordinator des Bezirksamts Mitte. Es seien überwiegend Jugendliche und junge Männer aus dem Libanon, aber auch aus der Türkei, die hier, oftmals selbst abhängig, mit Drogen handelten. Die Nachfrage sei groß, und es werde sehr viel Geld verdient, immerhin gebe es rund 8000 Menschen in Berlin, die Heroin spritzen. Ein Schwerstabhängiger benötige für die Droge rund 1500 Euro pro Monat. Die Polizei werde bei allen Kontrollen nicht Herr der Lage, sagt Kolling. Wolfgang Seidlitz, Referatsleiter aus der Polizeidirektion 1 bestätigt: „Es ist schwer zu sagen, wir hätten es im Griff. Aber wir kümmern uns darum“. Vom Bahnhof Zoo habe sich das Drogengeschäft seit geraumer Zeit nach Norden ausgebreitet, die Bahn sei bevorzugter Tummelplatz der Szene.

Die verdächtigen Leute auf den Bahnhöfen leiteten den Rauschgifthandel meist nur ein, hätten selbst keines dabei, sondern stellten den Kontakt zu Hintermännern her. Die Polizei könne zwar die Personalien aufnehmen, aber die Täter kaum auf frischer Tat ertappen und wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetzes ermitteln. Oft werde das Rauschgift auch in den Zügen transportiert, die Dealer hätten es, in Tüten verpackt, im Mund und schluckten es bei Kontrollen. Auch Platzverweise auf Bahnsteigen hätten sich als weithin wirkungslos erwiesen. Die BVG als Hausherrin fühlt sich nach Angaben ihrer Sprecherin Barbara Mansfield machtlos. „Die haben Fahrkarten, in der Regel Monatskarten.“ BVG-Personal könne keine Ausweise verlangen und verdächtige Personen auf Bahnsteigen nur auffordern, in den nächsten Zug zu steigen und nicht wieder zurückzukommen. Folgten sie dieser Aufforderung nicht, werde die Polizei gerufen.

Wie viele Dealer und ihrer Helfer auf den Strecken unterwegs sind, ist unbekannt. Es dürften mindestens 100 sein. Oben, auf dem Nauener Platz, der Kreuzung von Reinickendorfer- und Schulstraße, zeigt sich das Elend offener. Anwohner berichten von Fixern, die mit Spritzen im Arm halb ohnmächtig am Spielplatz vor dem Haus der Jugend liegen oder in Hauseingängen kauern. „Hier in den Grünflächen ringsum werden immer wieder Depots mit kleinen Tütchen Rauschgift entdeckt“, berichtet Ralf Porzelt, der Leiter des Hauses der Jugend. Mit dem Quartiersmanagement Pankstraße, dem Bezirksamt Mitte und der Polizei hat er die Aktionstage „Macht Platz für Kinder“ ins Leben gerufen. Man wolle, dass Kinder auf ihren Plätzen wieder spielen könnten, „frei von Angst vor Gewalt und Drogen, ohne Müll und Unrat“.

Der Nauener Platz gehört zu einem der Problemgebiete der Stadt. Jugendliche sagen, dass auf offener Straße Drogen zu kaufen sind. Eine Apothekerin erzählt, dass sie ständig nach Spritzen gefragt wird. Ein Passant meidet inzwischen gar den Bahnhof, weil er nicht über Fixer stolpern möchte. Eine Hausfrau erzählt, dass die Polizei nicht nur den Bahnhof kontrolliert. „Die kommen zu mir in die Wohnung, stellen sich hinter das Fenster und observieren die Straße.“

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