Unterwegs in Berlins Ortsteilen : Wo das Salz versiegt ist

96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Nr. 38: Hermsdorf.

Achtung, Sie verlassen Hermsdorf! Mauerfragmente an der nördlichen Stadtgrenze.
Achtung, Sie verlassen Hermsdorf! Mauerfragmente an der nördlichen Stadtgrenze.Foto: Jens Mühling

Hätten Sie gedacht, dass Farin Urlaub von den Ärzten älter ist als Frank Steffel von der CDU? Ich auch nicht, und mir wäre die Frage wohl nie in den Sinn gekommen, wenn ich in Hermsdorf nicht am Georg-Herwegh-Gymnasium vorbeigelaufen wäre, einer Art Berliner Promi-Brutstätte. Alec Empire von Atari Teenage Riot ist hier zur Schule gegangen, Alba-Chef und DIHK-Präsident Eric Schweitzer, der K.I.Z.-Rapper Nico Seyfried, DGB-Chef Michael Sommer sowie Jan Ulrich Max Vetter alias Farin Urlaub (Abi-Jahrgang ’81) und Frank Steffel (Abi-Jahrgang ’84). Ob der kleine Frank wohl auf dem Schulhof heimlich den großen Farin bewundert hat?

Hermsdorf war nicht immer eine Promi-Gegend. In den verwinkelten Gassen seines alten Kerns sieht man dem Ortsteil immer noch das ärmliche märkische Dorf an, das er einmal war und wohl auch geblieben wäre, wenn man hier nicht Ende des 19. Jahrhunderts eine Salzquelle entdeckt hätte. Ihretwegen strömten Kurgäste in den Berliner Norden, Hotels und Tanzlokale schossen aus dem Boden, ein Villenviertel entstand, in dem sich Bankiers, Industrielle und Künstler niederließen. Zu Letzteren zählte Max Beckmann, der Maler, aus dessen Porträts des Hermsdorfer Wasserturms ein begeisterter zeitgenössischer Kritiker Anspielungen auf den Turmbau zu Babel herauslas. Offenbar konnte man damals den Eindruck gewinnen, dass in Hermsdorf himmelstürmende Entwicklungen im Gange waren.

Der hügelige Ortsteil ist berückend schön

Dafür braucht es heute Fantasie. Der hügelige Ortsteil ist berückend schön, aber viel los ist hier nicht. Im Heimatmuseum des Bezirks Reinickendorf zuckte der Kassierer erschrocken zusammen, als ich plötzlich vor ihm stand – offenbar erwartete er an einem Werktagvormittag keine Gäste. Ich war der einzige Besucher, der sich das große Landschaftsmodell des Tegeler Fließes ansah. Wo heute Hermsdorf liegt, durchquerten winzige Modellrentiere den Fluss, verfolgt von noch winzigeren Rentierjägern, die hier um 9000 vor Christus ein Zeltdorf gründeten. Fast machte die Hermsdorfer Steinzeit einen belebteren Eindruck als die Hermsdorfer Gegenwart.

Seine große Zeit als Ausflugsziel habe der Ortsteil leider lange hinter sich, erzählte mir eine Spaziergängerin, der ich am Fließufer über den Weg lief. Eine kurze Renaissance jener goldenen Tage habe es zu Mauerzeiten gegeben, als Hermsdorf den eingeschlossenen West-Berlinern das dörfliche Umland ersetzte. „Aber seit der Wende fahren die Leute einfach mit der S-Bahn weiter nach Brandenburg“, sagte die Dame seufzend.

Wo die Quelle lag, weiß niemand mehr so recht

Niemand konnte mir sagen, wo die alte Salzquelle lag, der Hermsdorf seinen Aufstieg verdankte. Auf der Suche nach Hinweisen betrat ich den Schönheitssalon „Salzresort“ an der Heinsestraße. Eine heimatkundlich überraschend versierte Kosmetikspezialistin erklärte mir, dass die Quelle schon ein gutes Jahrzehnt nach ihrer Erschließung versiegt sei, angeblich infolge von Überstrapazierung. Ihr Salon, erzählte sie weiter, biete diverse Solebehandlungen an und beherberge sogar eine Heilgrotte. „Mit Salz aus Hermsdorf?“, fragte ich. „Nein“, sagte sie bedauernd. „Aus dem pakistanischen Teil des Himalaya-Gebirges.“

Fläche: 6,1 km² (Platz 66 von 96)

Einwohner: 16 440 (Platz 64 von 96)

Durchschnittsalter: 48,7 (ganz Berlin: 42,7)

Lokalpromis: Max Beckmann (Maler), Erich Kästner (Schriftsteller)

Gefühlte Mitte: S-Bahnhof Hermsdorf

Alle Folgen: tagesspiegel.de/96malberlin

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