Berlin : Unterwegs in heiliger Nacht

Feiern, flirten, Filme schauen: Am Weihnachtsabend muss niemand allein zu Hause bleiben

Sebastian Leber

Je größer die Stadt, desto größer die Einsamkeit. Klingt paradox, aber viele der dreieinhalb Millionen Berliner kennen es. „Und am Heiligabend ist Einsamkeit besonders schlimm“, sagt Birgitta Nachtigal. Deshalb organisiert die Krankenschwester aus Pankow jedes Jahr die „Heiligabend-Gala für Einsame“. Ab 19 Uhr treffen sich am Sonnabend Geschiedene, Neuzugezogene, Studienanfänger, Geschäftsleute auf der Durchreise und ältere Menschen in der Kirche am Südstern und feiern Weihnachten. Mit Musik, kleinen Geschenken „und vor allem gemeinsam“, sagt Nachtigal.

Die obligatorische Anmeldung zu der kostenlosen Veranstaltung lohnt sich allein schon wegen des Buffets: Weil Nachtigal mehrere Berliner Partyservices und Delikatessenläden als Sponsoren gewinnen konnte, gibt es neben Schnittchen auch Gans, Klöße, Rotkohl und Prager Schinken. Alleinerziehende Eltern können ihre Kinder mitbringen – für die gibt es ein eigenes Programm. Einmal kam eine alleinerziehende Mutter mit ihren fünf Kindern, erinnert sich Birgitta Nachtigal. Und traf auf eine andere Mutter, ebenfalls mit fünf Kindern und ohne Mann. „Die beiden haben sich angefreundet und von da an immer zusammen gefeiert.“ Manchmal bahnen sich bei der „Heiligabend-Gala“ auch Liebesbeziehungen an, sagt die Veranstalterin, aber eines sei klar: „Grundsätzlich ist das hier keine Kuppel-Veranstaltung!“

Dafür sind schließlich andere zuständig. Die neue Singles-Only-Bar „Frühling“ in Mitte lädt am Heiligabend zum „Romantic Christmas“. Paare kommen hier erst gar nicht rein. Das garantiert optimales Flirt-Ambiente, sagt Geschäftsführer Matthias Bauer. Geturtelt wird auf verschiedene Arten: Mit Blickkontakt und Körpersprache – oder ganz klassisch über eines der umstehenden Tischtelefone. Die sind extrem beliebt, weiß Bauer. Ganz Schüchterne können auf dem Weg zur Toilette eine Liebes-Botschaft an die Pinnwand hängen. Und wenn alles nichts hilft, greifen die Mitarbeiter der Singles-Bar mit diplomatischem Geschick ein, um zusammenzubringen, was zusammengehört. „Aber nicht auf die billige Tour, bei uns geht das unaufdringlich und mit Stil!“

Wer zum Flirten keine Lust hat, darf am Heiligabend auch solo bleiben. Und zum Beispiel ins Kino Babylon Mitte gehen und sich den ganzen Abend Filme anschauen, die eigentlich erst im kommenden Frühjahr veröffentlicht werden. Oder ein Popkonzert besuchen, denn musikalisch wird unternehmungslustigen Berlinern am Heiligabend viel geboten: In der Volksbühne tritt der Klangkünstler Turner vom Hamburger Elektrolabel „Ladomat 2000“ auf, und im Magnet Club stellt die hoch gelobte Berliner Nachwuchskünstlerin Kitty Solaris ihr neues Album vor. Das steckt voller wunderschöner Pop-Ohrwürmer, genau das Richtige für den Heiligabend. Außerdem gibt es am späten Abend überall in der Stadt Partys: Manche werden als spezielle „Weihnachtspartys“ angekündigt, andere finden nur deshalb statt, weil Heiligabend diesmal zufällig auf einen Sonnabend fällt. Wie die legendäre „Russendisko“ im Kaffee Burger, bei der Popautor Wladimir Kaminer seine Lieblingsplatten auflegt. Auch das „Kantinenlesen“, die wöchentliche Zusammenkunft der besten Berliner Lesebühnen-Mitglieder in der Alten Kantine der Kulturbrauerei, findet nur wegen des Wochentags statt, sagt Veranstalter Dan Richter. „Seit fünf Jahren lesen wir jeden Sonnabend, warum sollte uns ausgerechnet Weihnachten von dieser Tradition abbringen?“ Ob die Autoren inhaltlich auf das Fest eingehen, bleibt ihnen überlassen. Aber zumindest ein bisschen feierlich soll es auf jeden Fall zugehen: „Die Mitarbeiter aller Weihnachtsmann-Agenturen kommen bei uns kostenlos rein. Vorausgesetzt, sie erscheinen in voller Kluft.“

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