Berlin : Unterwegs zwischen den Welten

Muhabbet hat seine neue CD fertiggestellt. Aber das reicht ihm nicht: Nebenher fördert der engagierte Sänger andere Talente

Annette Kögel

Schmal ist er geworden. Nein, sagt Muhabbet, ich hab meinen Schmalhanskörper vorher immer in weiten Klamotten versteckt. Vielleicht wirkt der 22-jährige Sänger aber auch nur so drahtig, weil er seine Tage im Tempo eines Leistungssportlers verbringt. Erst recht, seitdem der gebürtige Köln-Bocklemünder dauerhaft in Berlin zu Hause ist. Gerade erst stand er mit dem Wiener Sinfonie-Orchester zur Eröffnung der Wiener Festwochen auf der Bühne, und weil am 1. Juni sein zweites Album „In Deinen Straßen“ erscheint, folgt ein Termin nach dem anderen.

Beim Gespräch im kleinen Musikstudio von „Plak Music“ an der Neuköllner Sanderstraße bimmelt ständig das Telefon. Hier, im Kreativzentrum von Berlins türkisch-arabischer Musikszene, verbringt er die meiste Zeit. „Manchmal gehe ich auch noch aufs Laufband, zum Ausgleich“, sagt Muhabbet, laut „Spiegel“ der „unbekannteste Superstar Deutschlands“. Dabei findet der als Kind einst hyperaktive junge Mann schon so genug Beschäftigung. Er singt nicht nur, sondern er produziert auch, er sichtet Talente. Den deutschtürkischen Sänger Kenan zum Beispiel, oder einen jungen libanesischen Beatboxer.

Und er absolviert die Promo-Termine für sein eigenes neues Album. „Es wird Zeit, dass ihr euch eingesteht, dass die Kids hier verloren sind – aussichtslos und hoffnungslos. Wenn andere nichts mehr sehen, schau hin“, lautet eine Zeile im vorab ausgekoppelten Lied „Schau hin“. Muhabbet singt das zu einem groovig swingenden Beat und mit dieser unverkennbaren sich in Höhen aufschraubenden Arabesk-Stimme nach dem Vorbild der türkischen Schlagersänger. „R & Besk“ nennt er seinen deutschsprachigen Gesangsstil, und der verkauft sich nicht nur bei der türkischstämmigen Fangemeinde gut. Die neue CD klingt wehmütiger, verzweifelter als die erste. Das hat auch mit seiner eigenen Lebenssituation zu tun. „Ich musste mir hier in Berlin ja ein komplett neues soziales Netz aufbauen“, sagt er, „aber ich wollte nach Berlin, das ist und bleibt einfach die interessanteste Stadt Deutschlands.“

Von hier aus verbreitet er seinen Stil, den musikalischen wie den persönlichen. Der junge Deutschtürke ist Unicef-Botschafter für die Bildung von Mädchen in der Türkei, Partner der Anti-Gewalt- Kampagne der Jugendzeitschrift Bravo, er unterstützt die School-Jam-Initiative für Nachwuchskünstler. Und er versucht, wo immer das geht, Einfluss zu nehmen auf die große Politik. Im vergangenen Jahr begleitete er Außenminister Frank-Walter Steinmeier zu einer Konferenz über deutsch-türkischen Kulturaustausch nach Istanbul. „Ich habe dort auch Angela Merkel einfach höflich angesprochen, als ich sie beim Essen traf“, sagt der Musiker. „Intelligente, angenehme Kommunikation“ – so lässt sich der Künstlername Muhabbet übersetzen, den sich der als Murat Ersen geborene Künstler einst gegeben hat. Zum Kommunizieren will er seine Gesprächspartner denn auch bringen. „Ich plädiere dafür, dass auch die Bundeskanzlerin Jugendliche selbst anspricht und mit ihnen ungefiltert über ihre Erfahrungen redet.“ Ihm missfällt das Gerede über die Parallelgesellschaften: hier Deutsche, dort Ausländer. „Alle, die hier aufwachsen, egal woher die Eltern kommen, sind unsere Leute. Ich selbst crosse zwischen den Schichten und den Welten“, sagt der 22-Jährige, der von sich selbst sagt, dass er als Junge bisweilen aggressiv anderen gegenüber aufgetreten ist. Die Musik habe ihn davor bewahrt abzurutschen.

Wenn er später aus dem Studio runter auf die Straße geht, werden ihn Jugendliche um ein Autogramm bitten. „Das ist Teil meiner Bestimmung, dass ich Kids mit Freude erfülle“, sagt Muhabbet, „das ist meine Tankstelle.“

Mehr zum Thema im Internet

www.muhabbet.name

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