Berlin : Unüberbrückbare Distanz

Behinderte leiden unter dem Streik. Selbst kurze Wege sind nun ein Problem

Liva Haensel

Für Marlies Pust ist der BVG-Streik mehr als eine Einschränkung. Für sie sind die Wege jetzt nicht nur länger geworden, sie sind schlichtweg unmöglich. Die körperbehinderte Frau, die Rollstuhlfahrerin ist, muss jetzt Verabredungen und größere Einkäufe auf unbestimmte Zeit verschieben. Die 42-Jährige, die zudem sehbehindert ist, lebt im Evangelischen Johannesstift Spandau. Alle Bewohner des Stifts, die nicht Auto fahren können, sind auf Verkehrsmittel der BVG angewiesen. Zu erreichen ist die Einrichtung in normalen Zeiten mit dem Bus M 45 oder 176. Die drei Stationen vom Rathaus Spandau sind nun eine schier unüberbrückbare Weite.

Marlies Pust hat einen elektrischen Rollstuhl, mit dem sie sich auf dem Gelände und in der Stadt fortbewegt. „Wir sind auf behindertengerechte Verkehrsverbindungen angewiesen. Und wer jetzt trotz des Streiks von A nach B kommen will, der vollbringt eine wahre Meisterleistung.“ Einen Kaffee trinken mit Freunden in Spandau oder größere Erledigungen? „Nee“, sagt die Verwaltungsangestellte, die seit 18 Jahren in einer Wohngruppe lebt, „das lasse ich alles.“ Das Johannesstift verfügt zwar über zehn eigene Fahrzeuge, die Bewohner transportieren. Aber die sind vor allem für Arztbesuche und andere wichtige Termine reserviert.

Behindertentransporte arbeiten in der Regel eng mit sozialen Einrichtungen zusammen und fahren feste Strecken. Das ist vor allem für Menschen wichtig, die ihren Arbeitsplatz in Werkstätten haben. Die Transporter werden zumeist über die Bezirksämter bezahlt, berichtet Sascha Kluge vom Get-Mobil-Fahrdienst in Schöneberg. „Wir arbeiten seit Jahren mit Behinderteneinrichtungen zusammen. Der Fahrplan hat sich durch den Streik nicht geändert.“ Nachfragen von Menschen mit Behinderungen gab es zwar, aber das war eher die Ausnahme, so der Prokurist. Der größte Mobiltransporter Rollmops in Pankow bringt täglich 300 Menschen mit Behinderungen an ihr Ziel. „Wir hatten zehn Anfragen von Einzelpersonen“, sagt Ramona Wichert von Rollmops. Man könne nicht auf jeden individuell eingehen, da es sich um Standardfahrten handle, die erst über Träger und Behörden beantragt werden müssten. Eine private Fahrt ist kostspielig, weil sie bar bezahlt werden muss.

„Wer also auf die BVG angewiesen ist, der bleibt momentan zu Hause“, sagt Sozialarbeiterin Blanka Heinrich vom Johannesstift. So wie Marlies Pust. Hartgesottene macht der Streik erfinderisch, erzählt sie: „Mein Mitbewohner, der in Buch arbeitet, fährt jeden Morgen mit dem E-Rolli zur S-Bahn Spandau – der braucht allein dafür 45 Minuten.“ Liva Haensel

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