Berlin : Unverwechselbar leidenschaftlich

Die Schauspielerin Judy Winter feiert heute ihren 60. Geburtstag. Und hat 200 Freunde und Kollegen eingeladen

Heidemarie Mazuhn

Ihr griechischer Freund Syros muss heute Abend daheim bleiben, wenn Judy Winter im Westin Grand Hotel in der Friedrichstraße ihren 60. Geburtstag feiert. Mit etwa 200 Gästen, darunter Suzanne von Borsody, Angelika Milster, Anja Hauptmann, Walter Momper, Dieter Hallervorden und, und und … Natürlich auch mit ihrem Adoptivsohn, dem 30-jährigen Schauspieler Francis C. Winter, und langjährigen Freunden wie Udo Walz und René Koch, die ein kleines Geburtstagsprogramm moderieren werden. In dem will die TV-Kommissarin Ulrike Folkerts Saxophon spielen und der Liedermacher Klaus Hoffmann singen.

Auch zwei Männer sind heute dabei, die lange, lange an Judy Winters Seite lebten – Regisseur Peter Zadek sieben Jahre als Lebensgefährte und Jazzmusiker Rolf Kühne fast 20 Jahre als Ehemann. Heute teilt sich die Künstlerin nur noch mit Syros die fast 200 Quadratmeter große Altbauwohnung in Charlottenburg – den weiß-rot gefleckten Kater hat sie bei Dreharbeiten auf der Insel Syros davor bewahrt, ausgesetzt zu werden. Tierschutz ist etwas, wofür sich Judy Winter engagiert. Ebenso leidenschaftlich zeigt sie als Kuratoriumsmitglied der Berliner Aidshilfe Flagge – nicht nur mit der roten Schleife am Revers, sondern mit tätigem Einsatz: Der Sammelbüchse, die sie nach ihren Vorstellungen am Renaissance-Theater schüttelt, ist noch kaum jemand entgangen.

Privat pflegt Judy Winter statt Leidenschaften einer festen Beziehung heute lieber feste Freundschaften. Zu Heiligabend lud sie zum Festessen sein, servierte im rosa Smoking die eigenhändig zubereitete Weihnachtsgans. Bevor der Braten auf die Teller kam, fand jeder Gast darauf eine Aufmerksamkeit vor – René Koch durfte sich über eine Cartier-Uhr freuen. Im Smoking tritt die Schauspielerin auch heute Abend vor ihre Gäste. Das weinrote Seidenstück hat sich Judy Winter von dem jungen Berliner Designertalent David Engler, einem Meisterschüler von Vivienne Westwood, extra für ihren Ehrentag schneidern lassen. Und ganz sicher wird die am 4. Januar 1944 in Friedland in Oberschlesien als Beate Richard geborene Tochter eines Offiziers und einer Tänzerin darin Komplimente einheimsen. Der eine oder die andere wird mal wieder feststellen, dass sie damit wie Marlene Dietrich aussieht.

Mit der Diva wird Judy Winter verglichen, nachdem sie als „Marlene“ brilliert hatte. So heißt das Bühnenstück über die Dietrich, das am 28. Juni 1998 am Renaissance-Theater Premiere hatte – zehn Vorhänge bekam damals Judy Winter alias „Marlene“ und inzwischen schon zwei Mal den Publikumspreis „Goldener Vorhang“. Und ginge es nach ihren Fans, könnte sie bis zum Nimmerleinstag in dem Schwanenmantel über der legendären Glasperlenrobe der Dietrich auftreten. Bis nach Japan hat sie der Bühnenerfolg dieser „Rolle ihres Lebens“ gebracht. Eine Festlegung, die sie nicht so mag – „ich weiß doch noch gar nicht, was noch an Rollen kommt. In der man gerade steckt, ist nur so lange wichtig, wie man sie spielt.“ Und schließlich hatte die in Heidelberg aufgewachsene und in Stuttgart ausgebildete Schauspielerin schon vor „Marlene“ einen Namen – auf der Bühne, im Film und im Fernsehen.

Ihren ersten großen Erfolg feierte die Schauspielerin, deren Künstlername sich von Judy Garland und Shelly Winters ableitet, 1965 in Bremen in „Alles im Garten“ und anschließend in London in Wedekinds „Frühlingserwachen“. Ab 1968 wurde sie auch fürs Musical entdeckt – für ihre Eliza in „ My fair Lady“ lobte sie die Kritik. Ihr erster Film war 1967 „Drei Tage bis Mitternacht“, viele Filme später wurde sie in „Ärztinnen“ nach einem Buch von Rolf Hochhuth auch in der DDR bekannt. Ihr erwuchs eine gesamtdeutsche Anhängerschaft – schließlich schaltete man auch im Osten das Westfernsehen an, wenn ihre Filme und Serien wie „Der Schatz im Niemandsland“ liefen. Auf beiden Seiten lauschte man ihrer unverwechselbaren Stimme, die sie auch Stars wie Jane Fonda, Vanessa Redgrave, Bette Middler und Faye Dunaway lieh, indem sie deren Filme synchronisierte. 1977 bekam Judy Winter als deutsche Stimme von Liv Ullmann in „Szenen einer Ehe“ sogar die „Goldene Kamera“.

Die Rolle in und als „Marlene“ brachte Winters Bühnenkarriere zwar nochmals richtig in Schwung. „Aber irgendwann muss mal Schluss sein“, sagte sie im vergangenen Mai und verkündete, dass das Stück in Berlin nicht mehr gezeigt werde. Zu ihrem heutigen „60.“ soll verraten werden, dass das geflunkert war: Vom 10. bis 24. April ist Marlene wieder da – am 12. April zum 500. Mal. Diesen Kick will Judy Winter noch genießen. Gespielt hat sie längst schon wieder anderes – so aktuell eine der „Acht Frauen“ im Renaissance-Theater, was der Bundesverdienstkreuzträgerin im Dezember einen weiteren „Goldenen Vorhang“ einbrachte.

Hat Judy Winter Angst vor der 60? „Theoretisch null, aber ich habe auch so viel Stress, dass ich noch nicht darüber nachdenken konnte“, sagte sie gestern Vormittag – wie immer in Eile, der Maskenbildner wartete schon. Apropos Maske. Generell denkt Judy Winter nicht an sowas wie Lifting – „ausschließen möchte ich es nicht, aber eher denke ich an Urlaub. Ich hatte sieben Jahre keinen, 14 Tage Mallorca 2003 waren bissel wenig.“ Ob es dieses Jahr mehr wird, ist fraglich. Judy Winter arbeitet an einem neuen Chansonprogramm. Das heißt: „Wenn ich mir was wünschen dürfte“.

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