Berlin : Unwetter über Berlin: Feuerwehr von Wind und Hagel kalt erwischt

Katja Füchsel

Niemand hatte diesen Sturm kommen sehen - mit den Wassermassen, die in der Stadt Keller und Souterrains fluteten. Mit den taubeneigroßen Hagelkörnern, die in Zehlendorf Autodächer eindellten und Markisen durchschlugen. Und der Windstärke acht, die in Spandau 40 Meter hohe Pappeln umriss. "Ein so heftiges Unwetter hat kein Computermodell von uns erfasst", sagte gestern Susanne Danßmann vom Wetterdienst Meteofax.

In Mitte verwandelten sich am Sonnabend Flaneure innerhalb von Sekunden in Flüchtende. "Man fühlte sich richtig beschossen", sagt eine Anwohnerin. Trockenen Fußes aus dem Auto zu kommen, sei in der Oranienburger Straße schnell unmöglich gewesen, mehr als "knöchelhoch" habe das Wasser auf der Straße gestanden. Und weil die Fluten in der Oranienburger nicht ablaufen konnten, suchten sie sich andere Wege: Kneipenbesitzer und der Chef eines thailändischen Imbisses im Souterrain meldeten bald Land unter. Auch eine Party im "Modellhut" an der Neuen Schönhauser musste wegen Wasserschadens ausfallen.

Als der Hagel einsetzte, war dann kurzfristig die Reinhardtstraße am Kanzleramt blockiert: Autobesitzer hatten sich mit ihren Wagen unter die S-Bahnbrücke geflüchtet und warteten hier kreuz und quer geparkt das Unwetter ab. Teile der Avus mussten zwischen 20.45 und 22.30 Uhr gesperrt werden, weil Bäume und Äste auf die Fahrbahn gefallen waren. Pech hatte, wer in Wannsee nicht unter Bäumen oder in der Garage parkte. "Ein Kollege hat an seinem Auto 40 bis 50 Einschläge", sagt Lothar Wackermann im Lagezentrum der Feuerwehr.

Sie wurde ebenso wie die Meteorologen von dem Unwetter kalt erwischt: Kurz vor 19 Uhr rief die Feuerwehr für rund drei Stunden den Ausnahmezustand aus. Nach den Worten eines Sprechers hätte die Wetter-Überraschung schlimmer ausgehen können. "Weil es am Wochenende und abends passierte, konnten wir schnell die freiwillige Feuerwehr aktivieren", sagt Wackermann. Am Abend unterstützten 312 Freiwillige die rund 600 Mann von der Berufsfeuerwehr. Ihre Bilanz: Die Wehren mussten zu 180 Einsätzen ausrücken, bis 20.30 Uhr waren 65 Bäume umgestürzt, 57 Keller voll gelaufen.

Meldungen über Verletzte gab es bis Sonntag nicht. Wackermann: "Das ist nicht ungewöhnlich, aber erfreulich." Sagen die Meteorologen im Sommer ein Unwetter oder im Winter Blitzeis mit "an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" voraus, wird die Feuerwehr schon früher aktiv. "Da kann man ganz gut jonglieren", sagt Wackermann. Wenn es mit dem Unwetter dann wirklich losgeht, stehe bereits der passende Fuhrpark samt Besatzung bereit.

Es ist ein "Frontensystem", das die Feuerwehr seit vergangenem Dienstag in Atem hält und den Meteorologen Rekorde beschert: Weil Berlin seitdem genau in der Mitte zwischen kalten und warmen Luftmassen liegt, sind auf die Stadt bis Sonntagmittag sechs kräftige Gewitter heruntergegangen. An diesen sechs Tagen regnete es in einigen Bezirken so viel wie sonst im ganzen August. Rund 60 Liter kamen in Mitte und Eiskeller in der vergangenen Woche herunter, allein Sonnabend waren es in Tegel und Tiergarten rund 25 Liter. "Das ist regional sehr unterschiedlich", sagt Danßmann. So sei es beispielsweise am Sonnabend in Marienfelde und Köpenick mit rund einem Liter Niederschlag beinahe trocken geblieben.

Schon in der Nacht zum Donnerstag hatten die Berliner aufrecht in ihren Betten gesessen, als die Luftmassen aufeinander prallten: Regen klatschte, Donner grollte, Blitze zuckten. Über 500 Blitze zählten die Wetterforscher in der Nacht zum Donnerstag, rund 400 in einer halben Stunde am Sonnabend. Einen riskanten Job hatten die Meteorologen vorgestern auf ihren Dahlemer und Weddinger Messwiesen. Denn hier fielen Hagelkörner mit bis zu sechs Zentimetern Durchmesser vom Himmel. Danßmann: "Da muss man beim Aufsammeln schnell sein."

Was den Amerikanern der "Twister" ist, ist den Berlinern derzeit die "Superzelle". Davon sprechen die Meteorologen, wenn sich mehrere Gewitterwolken zusammenballen. Der Umfang solcher Wettergebilde mit sintflutartigen Niederschlägen kann bis zu 50 Kilometer betragen. Und am Sonnabend bildeten sich gleich zwei "Superzellen" über Berlin: Eine wanderte über Potsdam, den Wannsee und den Süden der Stadt, die andere tobte sich über den nördlichen Bezirken aus.

Die Meteofax-Frau kann sich an viele kräftige Gewitter in Berlin erinnern, aber nicht daran, dass ein Frontensystem so lange grollend über der Stadt hing. "Auch diese extremen Regenmengen sind ungewöhnlich." Die Aussichten klingen weniger spektakulär: Heute sitzen wir noch zwischen den Fronten, doch am Dienstag soll die kalte Luft sich Richtung Südosten verzogen haben. Dicke Wolken erwartet Danßmann dann, 22 Grad, kaum Regen.

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