Unwetterschäden : Domengel bekommt seinen Triangelstab zurück

Starker Regen hat eine Figur auf dem Dom schwer beschädigt. Jetzt bekam sie Besuch von einem Industriekletterer.

Industriekletterer montieren auf dem Dach des Berliner Doms in Berlin einen Triangelstab an einem Kupferengel.
Industriekletterer montieren auf dem Dach des Berliner Doms in Berlin einen Triangelstab an einem Kupferengel.Foto: dpa

Dem Engel ist das Gewusel völlig schnuppe. Stolz dreht er den Kopf nach links, schaut über die Dächer Berlins, gänzlich unbeeindruckt von den staunenden Zuschauern auf dem Domumgang und dem schwer gesicherten Industriekletterer, der sich gerade langsam an einem schrägen Seil an ihn heranmacht.

Wie ein zweiter, wenn auch etwas robuster gekleideter Engel schwebt Thomas Michaelis vom Rand der Domkuppel zum Triangelspieler herab. Statt Wallekostüm trägt er eine Arbeitshose, von deren Bund unzählige Karabiner, Täschchen und Werkzeug baumeln. In seinem Geschirr in der Horizontale schwebend, greift er unter dem Arm der grünpatinierten Statue hindurch und legt ihr einen verlorenen Gegenstand in die aufgefächerte Hand: den Triangelstab, der bei dem Starkregen Ende Juni aus der Hand des Engels auf das darunterliegende Domdach flog.

Dorthin seilt sich Michaelis nun ab. Der Kupferengel muss noch etwas warten, bis er wieder die Triangel schlagen kann. Michaelis’ Diagnose: abgenutzter Schraubenkopf. Er zeigt eine Schraube, die eigentlich nur noch aus einem Gewinde besteht – kein Wunder, dass das Unwetter dem exponiert am Kuppelrand angebrachten Engel den Stab aus der Hand riss. Ob die Schraube noch aus dem Errichtungsjahr 1905 stammt oder zwischendurch erneuert wurde, kann er nicht sagen.

Starkregen entriss dem Engel seinen Stab

Am 29. Juni polterte der grüne, etwa 70 Zentimeter lange Stab aus der erhobenen Engelshand in sechzig Metern Höhe auf die Glasplatten des Domdachs. Die Triangel selbst hielt: Sie war 1940 bereits durch eine Bombe aus der linken Hand der Statue gerissen worden. Pressesprecherin Svenja Pelzel fand im Archiv heraus, dass man damals diskutierte, wie das Instrument wieder anzubringen sei — man einigte sich auf Bronzeschrauben. Ob damals professionelle Kletterer am Werk waren oder ein armer Handwerker das Wagnis einging, sechzig Meter über dem Erdboden umherzuhangeln, ist nicht verbrieft.

Kletterer kennt die Kuppel

Heute übernimmt Thomas Michaelis regelmäßig solcherlei Arbeiten, unterstützt von zwei Kollegen, die von unten die Seile vor Sabotage schützen und von oben Werkzeug heranreichen. „Ich fühle mich am Seil sicherer als ein Dachdecker, der über ein Dach geht“, sagt er entspannt lächelnd, während ihm eine leichte Brise einige Bienen aus dem domeigenen Bienenstock ein paar Meter weiter um den Kopf weht.

Er hat keine Angst, dass sich der Sicherungsring von den Tragsäulen des Domkreuzes lösen könnte. „Wir haben 2005/2006 das Kreuz abgenommen und wieder angebracht“, erinnert er sich an den spektakulärsten Auftrag seiner Laufbahn. Zwei Tonnen wiege das Kreuz, da sei er zuversichtlich, dass es ausreichend Halt für sein Körpergewicht biete.

Der Dom hat mehrere Baustellen

Den kann er auch brauchen, denn er hat noch eine zweite Tour zum Engel vor sich. Zuerst aber muss er zwei neue Schrauben organisieren, im Idealfall haben die Haushandwerker die passenden vorrätig. Mit klirrendem Gürtel schreitet Michaelis durch die Gruft, wo auch die Hohenzollern begraben liegen. Touristen schauen hier auf die teils schlichten, teils verschnörkelten Sarkophage der preußischer Herrscher und ihrer Familien.

Jedes Jahr kommen etwa 700 000 Besucher in den Dom am Lustgarten und tragen mit ihren Eintrittsgeldern zu den sechs Millionen Euro Betriebskosten bei. Denn nur 200 000 Euro kommen aus öffentlichen Geldern, den Rest muss die 1600-köpfige Domgemeinde selbst erwirtschaften.

Die Gruft wird die Finanzen der Gemeinde bald ganz besonders strapazieren: „Das wird unser nächstes Großprojekt“, sagt Pressesprecherin Pelzel. 8,65 Millionen Euro hat die Domgemeinde, die den Dom verwaltet und damit auch für Instandhaltungsarbeiten aufkommt, gerade vom Bund bewilligt bekommen, jetzt hofft man auf dieselbe Summe vom Land.

Reparatur geglückt

Für die toten Hohenzollern hat Kletterer Michaelis gerade keine Augen: Er öffnet die Flügeltüren zu der Werkstatt, die ihre Räume direkt neben der Gruft hat. Handwerker Klaus Cuber steigt kurz auf die Werkbank, schaut in ein paar Schubfächer, und siehe da: Die passenden Messingschrauben finden sich, Michaelis macht sich wieder auf zum Engel. Um halb eins hat die Figur endlich wieder ihren Stab in der Hand.

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